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Darüber spricht man lieber nicht

Manche Beschwerden möchte man niemandem anvertrauen: Stinkfüsse, Schweissausbrüche, Mundgeruch, Blähungen. Doch die Betroffenen und deren Umfeld sollten solche Probleme offen ansprechen.

Von Vera Bueller / 23. Dezember 2021

Der Arbeitskollege riecht unangenehm aus dem Mund? Eine Kollegin verströmt einen stechenden Schweissgeruch? Und besonders peinlich: Der Chef furzt auffallend oft. Was tun? Darüber offen zu sprechen, empfinden viele als unangebracht.  Üble Körpergerüche wurden aber nicht immer tabuisiert. «Erst als man den Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene und Krankheiten erkannte, galten schlechte Gerüche als Warnzeichen für eine Ansteckung», sagt Eva Heuberger. Die Wissenschaftlerin für Olfaktorik (den Geruchsinn betreffend) und Co-Autorin von «Riechen und Fühlen» präzisiert, das man bei kleinen Kindern beobachten könne, wie sie beispielsweise vor Kot keine Scheu hätten. Erst durch die Erziehung lernten sie, was «pfui» ist.

Auch das Wissen über die Geruchsquelle ist entscheidend, wie Forschende der University of Oxford in einem Experiment nachweisen konnten: Der Geruch von Isovaleriansäure, eine gesättigte Fettsäure, wurde von den Versuchspersonen als signifikant unangenehmer empfunden, wenn sie die Information erhielten, es handle es sich um einen Körpergeruch. War der Geruch mit «Cheddar Käse» gekennzeichnet, wurde er deutlich angenehmer bewertet.

Körpergerüche:

Jeder Mensch hat eine eigene Duftmarke, die genetisch bestimmt ist. Wobei Männer einen intensiveren Körpergeruch entwickeln als Frauen. Aber auch die Wahrnehmung eines Geruchs ist subjektiv – etwa, wenn es um den Schweiss geht. Dabei riecht frischer Schweiss eigentlich gar nicht. Er besteht zu 99 Prozent aus Wasser und ist geruchsneutral. Der typische Geruch entsteht erst, wenn Bakterien auf der Haut die rund 200 Substanzen – darunter Harnstoff und Kochsalz – im Schweiss zersetzen. Dies geschieht vor allem tagsüber, wenn es zu Anstrengung und Stress kommt. Die idealen Lebensbedingungen finden die Bakterien dann in feuchten, warmen Körperbereichen wie in Hautfalten, in den Achselhöhlen oder an den Füssen zwischen den Zehen.

Mangelnde Hygiene fördert diesen Prozess. Unangenehme Körperausdünstungen bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass sich jemand zu wenig wäscht. Auch Alkoholkonsum und bestimmte Nahrungsmittel können den Körpergeruch verändern: Knoblauch, Zwiebeln sowie Gewürze wie Curry und Kreuzkümmel, geräucherte Lebensmittel, ein hoher Salzkonsum oder auch rotes Fleisch, das die Schweissproduktion anregt.

Mit ein paar Massnahmen lässt sich unangenehmer Körpergeruch im Zaum halten: Eine Umstellung bei der Ernährung, seine Garderobe häufig wechseln, luftdurchlässige Schuhe und Kleider tragen sowie regelmässig duschen.

Es gibt aber Menschen, bei denen solche Massnahmen wenig nützen – etwa, weil sie unter einer Überfunktion der Schweissdrüsen leiden. Eine Schweissdrüsenbehandlung mittels Nervengifts oder auch ein operativer Eingriff kann Linderung verschaffen. Bestimmte Schweissnuancen können auch auf eine Krankheit hinweisen: Scharfer Ammoniakgeruch ist typisch für Leber- oder auch Nierenerkrankungen, Menschen mit schlecht eingestelltem Diabetes riechen oft nach Azeton oder Apfelsäure. Und eine Schilddrüsen-Unterfunktion lässt Schweiss nach Essig riechen.

Blähungen:

Alle tun es, keiner spricht darüber – furzen. Im Durchschnitt scheidet der Mensch bis zu zwanzig Mal pro Tag kleinere Gasmengen aus, meist unbemerkt. Dies mit einer Geschwindigkeit von bis zu 11 Stundenkilometern und einer Reichweite von mehreren Metern. Dem liegt ein völlig normaler Verdauungsvorgang zugrunde, bei dem Gase im Darm entstehen, die irgendwie entweichen müssen. Das stinkt erst dann unangenehm, wenn die Gase schwefelhaltig sind, was von der individuellen Zusammensetzung der Bakterienflora im Darm abhängt. Einer Studie zufolge riechen die Fürze von Frauen etwas unangenehmer als Männerfürze. Die Spannung des Schliessmuskels und der Druck im Darm beeinflussen Lautstärke und Tonhöhe der Leibwinde, wie man die Pupser früher nannte. .

Zu den Ursachen für vermehrt auftretende Blähungen zählen Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln, ein Reizdarm, Sorbit (Süssstoff) in Light- und Fast-Food-Produkten, hastiges Essen bei dem Luft mit verschluckt wird, Bewegungsmangel und die Psyche, besonders Stress. Häufig lassen sich Blähungen mit ein paar einfachen Umstellungen bei der Ernährung reduzieren: auf ballaststoffarme Fertiggerichte, Hülsenfrüchte, Kohlgemüse, Peperoni, Zwiebeln, Knoblauch, Steinobst und ofenfrisches Brot verzichten. Auch eine Diät mit hohem Obst- und Gemüseanteil kann problematisch sein. Sauerkraut und anderes fermentiertes Gemüse sind hingegen gut für die Darmflora. Empfohlen werden überdies lange gezogener Pfefferminztee, Alpenkräutertee oder Verveine. Für Kiwis ist gar ein Anti-Bläh-Effekt nachgewiesen.

Für ganz schwere Fälle gibt es auch noch die Anti-Stink-Unterwäsche, die den Furz mittels geruchsabsorbierender Keramikteilchen filtert – erfunden von einem Japaner.

Aber Achtung: Treten Blähungen, Krämpfe, Bauchschmerzen, auffällige Veränderungen im Stuhlgang oder saures Aufstossen über Wochen immer wieder auf, ist ein Arztbesuch angezeigt.

Mundgeruch:

Jeder Mensch hat irgendwann mal schlechten Atem. Sei es nach dem Genuss eines Knoblibrotes, sei es nach durchzechter Nacht oder nach exzessivem Kaffeetrinken. Rund ein Viertel der Erwachsenen leidet chronisch unter schlechtem Mundgeruch. Die Ursache dafür ist zu etwa 90 Prozent im Mund zu finden. Denn verantwortlich für den Geruch aus dem Mund sind in erster Linie Bakterien. Sie vermehren sich bei vernachlässigter Zahnpflege, entzündetem Zahnfleisch und vor allem auf der Zunge. Auch Stress kann Mundgeruch verursachen, denn er hemmt den Speichelfluss. Und in einem trockenen Mund fühlen sich geruchsbildende Bakterien besonders wohl.

Als begünstigende Faktoren kommen Rauchen, Alkohol- und Kaffeekonsum hinzu. Und es gibt zahlreiche Lebensmittel, die schlechten Atem fördern: Milch, Käse, Fisch, Fleisch, Eier, Zwiebeln und Knoblauch, Salami oder auch Leberwurst.

Wer die Zunge regelmässig mit einer Zungenbürste säubert und auch die Zahn-Zwischenräume reinigt, riecht meist wieder gut. Bei trockenem Mund können Kaugummis hilfreich sein, die den Speichelfluss anregen.

Doch oft wissen die Betroffenen gar nichts von ihrem Übel. Denn seinen eigenen Atem kann man nicht riechen – weil der Mund mit dem Nasenraum verbunden ist. Zur Kontrolle in die hohle Hand zu atmen und zu schnuppern, bringt also nichts. Die einzige zuverlässige Methode ist die, eine Vertrauensperson zu fragen: «Habe ich eigentlich Mundgeruch?»

Lautet die Antwort ja, ist der Zahnarzt die erste Anlaufstelle. Denn der Geruch kann ein Anzeichen für Karies oder Parodontose (Entzündung des Zahnbettes) sein. Oder für andere Erkrankungen: Entzündete Mandeln mit Bakterienbefall produzieren einen süsslichen Geruch, eine Magenschleimhautentzündung einen sauren. Bei schlecht eingestelltem Diabetes riecht der Atem leicht nach Azeton. Aber auch Fastende können so riechen, da dann eine Unterversorgung mit Zucker besteht.

Dieser Artikel ist (gekürzt) auch erschienen im «Beobachter»

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