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Die Dosis bestimmt das Risiko
Jedes Kind weiss: Zu viel Sonne erhöht das Krebsrisiko. Weniger bekannt sind die vielen nützlichen Wirkungen von Sonnenlicht auf die Gesundheit und unser Wohlbefinden: zu viel Sonne ist zwar gefährlich, zu wenig ist aber auch ungesund.
Von Vera Bueller / 1. März 2022
Sonnenschein fördert die Kreativität, macht Flirtversuche erfolgreicher, lässt die Börsenkurse steigen und beeinflusst unser Wahlverhalten. Wenn die Sonne scheint, shoppen wir mehr und geben mehr Geld aus. Das schöne Wetter beeinflusst unser Gedächtnis, macht uns unpünktlich, aber auch hilfsbereiter und grosszügiger – zum Beispiel beim Trinkgeld. Und Frauen, die öfters in der Sonne sind, leben länger als jene, die die Sonne meiden. Das sind Ergebnisse verschiedener wissenschaftlicher Studien über die Bedeutung der Sonne und des Wetters auf den Menschen. Die Aufzählung ist nicht vollständig, und viele der Erhebungsmethoden werden in Forscherkreisen auch kritisiert. Unumstritten ist, dass ohne Sonne kein Leben auf der Erde möglich wäre. Sie erwärmt den Boden, die Meere, die Atmosphäre, sie steuert das Klima, bringt Trockenperioden, treibt die Winde und bestimmt unser Wetter. Dazu gehört auch der tägliche Wechsel von Tag auf Nacht, von Licht und Dunkel. Das alles hat Einfluss auf die «innere Uhr» von Mensch und Tier. Diese bestimmt, wann es die beste Zeit ist, um einzuschlafen, aufzuwachen, zu lernen, zu essen, Sport zu treiben, müde zu werden.
«Die tageszeitlichen Veränderungen, geprägt vom Wechsel zwischen Tag und Nacht, beeinflussen ein kleines Hirnareal, unsere innere Uhr», erklärt Oliver Stefani, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Chronobiologie in Basel. «Licht ist der wichtigste Zeitgeber für ihre Steuerung. Es hilft uns bei der Orientierung zwischen den Wach- und Schlaf-Phasen.» Helles Licht wirke über die Augen auf die Zirbeldrüse, was diese dazu veranlasse, etwa die Ausschüttung des Dunkelhormons Melatonin bei Helligkeit zu drosseln. So hält uns natürliches Licht tagsüber wach und am Abend bereitet uns die abnehmende Helligkeit auf das Dunkel der Nacht und somit auf den Schlaf vor.
Glückshormon-Coctail wird ausgeschüttet
«Leben wir nicht synchron mit dem Tag-Nacht-Rhythmus, geben wir falsche Signale an unsere innere Uhr. Das kann beispielsweise unser Immunsystem schwächen», sagt Oliver Stefani. Für ein intaktes Immunsystem seien sowohl die Dunkelheit wie das natürliche Tageslicht entscheidende Faktoren, um regenerative Prozesse des Körpers zu fördern. Grundsätzlich müsse man dabei zwischen der physiologischen und der emotionalen Wirkung des Lichts unterscheiden. So beeinflusst auf der psychischen Ebene das Sonnenlicht und deren Wärme wesentlich unsere Gefühle und Stimmungen. Aber die Wirkung ist auch eine biologische: Fällt das Sonnenlicht in die Augen, wird vom Gehirn ein Glückshormon-Cocktail aus Serotonin, Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet. Das wirkt depressiven Stimmungen und Ängsten entgegen. Ausserdem kurbelt das Sonnenlicht den Stoffwechsel an, regelt den Hormonhaushalt, den Zellstoffwechsel sowie Atmung, Puls und Körpertemperatur.
Dass die Ursachen für körperliche und psychische Symptome – im positiven und im negativen Sinn – beim Licht, vor allem bei der Sonne zu finden sind, weiss auch Herbert Plischke. Er hat seit 2013 die Professur «Licht und Gesundheit» an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München inne. «Die Sonne hat einen vielfältigen Einfluss auf den menschlichen Organismus, denn wir nutzen alle Bestandteile ihres Lichts: den sichtbaren Bereich mit allen Farben und die unsichtbare Strahlung, also auch Infrarot- und Ultraviolettstrahlung.» Das Sonnenlicht, genauer die UV-B Strahlung, sei für die Bildung von Vitamin D nötig. «Vitamin D ist wichtig für den Kalziumhaushalt, und dieser ist wiederum entscheidend für die Stabilität der Knochen – um der Osteoporose vorzubeugen. Und Vitamin D können wir bilden, indem wir uns an der Sonne aufhalten.»
Vitamin D tanken
Da es sich um ein fettlösliches Vitamin handelt, kann der Körper dieses sogar über längere Zeit speichern. Bedeutet dies, je mehr Vitamin D wir im Sommer tanken, umso besser kommen wir durch den Winter? «Das stimmt nur bedingt», relativiert Isabelle Benguerel, Ernährungsberaterin und Dozentin an der Berner Fachhochschule für Gesundheit. «Das Vorratspolster nimmt schon nach drei bis sechs Wochen ab, so dass in unseren Breitengraden ab November die Einnahme von Vitamin D-Ergänzungsnahrungsmitteln empfohlen wird.» Denn nur in wenigen Lebensmitteln sei Vitamin D in nennenswerten Mengen vorhanden: in fettreichem Fisch wie Hering oder Lachs, in Eiern oder in Pilzen, die an der Sonne getrocknet wurden. «Man müsste allerdings täglich etwa 14 Eier oder zwei grosse Portionen Wildlachs essen, um den Bedarf an Vitamin D zu decken», bemerkt sie lachend.
UV-Strahlen haben noch eine andere, positive Wirkung, die vor allem in Pandemie-Zeiten zu reden gibt: «Im Freien haben Viren eine geringe Chance, zu überleben», sagt Herbert Plischke. «Jedenfalls stellen wir im Sommer immer eine niedrige Zahl an viralen Neuerkrankungen fest.» Es gebe natürlich mehrere Einflussfaktoren, aber die natürliche UV-B- und UV-A-Strahlung töteten Viren ab und wirkten entzündungshemmend. Weitere Krankheiten, bei denen es Hinweise auf günstige Auswirkungen von Sonnenlicht gibt, sind das metabolische Syndrom (Bluthochdruck, «Alterszucker», erhöhtes Cholesterin und Fettleibigkeit), verschiedene Formen von Demenz, rheumatische Entzündungen, Schuppenflechte, einige Lebererkrankungen, Kurzsichtigkeit, multiple Sklerose und gewisse Depressionsformen.
Ein Rätsel: die Sommerdepression
Allerdings gibt es auch ein Phänomen, das seit 40 Jahren bekannt ist, über deren Ursache die Forschung jedoch bis heute rätselt: die Sommerdepression. Es existieren dazu unterschiedliche Theorien und Erklärungsansätze, in denen vor allem die Wirkung der veränderten Licht- und Temperaturverhältnisse auf unseren Hormonhaushalt eine Rolle spielen. «Bei manchen Menschen bringt die stärkere Lichtintensität im Sommer das hormonelle Gleichgewicht durcheinander. Es kann sein, dass dieser Umschwung bei empfindlichen Personen zu Unruhezuständen, Schlafproblemen und in der Folge zu Reizbarkeit und Müdigkeit führt», vermutet Kelly Rohan. Die Psychologin und Leiterin für klinische Ausbildung an der University of Vermont befasst sich seit 1993 mit sogenannt saisonal-affektiven Störungen. Treten mindestens zwei Jahre hintereinander in der schönsten Jahreszeit depressive Verstimmungen auf, so schliesst die Expertin eine Sommerdepression nicht aus.
Aus den vielen positiven Erkenntnissen über die Wirkung der Sonne abzuleiten, sie sei ein Allheilmittel, das Gesundheit und Wohlbefinden garantiert, wäre fatal: Übertriebene Sonnenexposition lässt die Haut vorzeitig altern, begünstigt Hautkrebs – wie das gefürchtete Melanom – und auch einige Augenerkrankungen. Es empfiehlt sich deshalb, die hautärztlichen Empfehlungen zu befolgen: direkte, intensive Sonneneinstrahlung meiden, sich mit geeigneter Kleidung inklusive Kopfbedeckung und Sonnenbrille dagegen schützen, Sonnencremes mit hohem Schutzfaktor verwenden.
Sonne unbedingt, aber in Massen
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rät allerdings, die Sonne zuweilen auch ungeschützt zu geniessen: «Im Sommer reichen für die Bildung des Vitamins D für Menschen mit heller Hautpigmentierung 10 Minuten Mittagssonne, und für Menschen mit dunkler Hautpigmentierung 20 bis 60 Minuten.» Empfehlenswerter sei jedoch die Sonnenbestrahlung am Morgen oder am späteren Nachmittag – im Sommer bis zu einer halben Stunde, im Frühling und Herbst bis zu einer Stunde – und die Mittagszeit im Schatten zu verbringen. Denn nicht nur die Sonne selbst, auch die daraus resultierende Hitze kann vor allem im Hochsommer zum Problem werden. Gerade ältere Menschen und Kinder sind dafür sehr anfällig.
Das Fazit also: Sonne unbedingt, aber nur in Massen.
Der Artikel ist auch erschienen im «Beobachter»


