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«Bluthochdruck ist ein stiller Killer»
Weil man Bluthochdruck selbst nicht spürt, wird er oft zu spät erkannt. Es drohen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenschäden. Davon betroffen ist etwa ein Drittel der Bevölkerung in Europa, sagt der Kardiologe Thomas Lüscher.
Von Vera Bueller / 12. September 2022
Forscher wollen schon bei der über 5000 Jahre alten Gletschermumie Ötzi Arteriosklerose und vermutlich Bluthochdruck diagnostiziert haben. Hat also hoher Blutdruck nichts mit der modernen Überflussgesellschaft der westlichen Zivilisation zu tun?
Volksstämme, die noch heute so leben wie unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren, belegen, dass die Lebensweise für die Entstehung von Bluthochdruck entscheidend ist. So liegt beispielsweise der Blutdruck der Tsimane-Indios, die im bolivianischen Amazonaswald leben, im Durchschnitt lebenslang bei 116/73 mmHg. Sie bewegen sich viel und jagen im Durchschnitt acht Stunden am Tag in einem Umkreis von 18 Kilometern – während wir Westler den Aufzug benutzen, um das Auto zu erreichen, aus dem heraus wir das Garagentor automatisch öffnen, dann fahren wir zur Arbeitsstelle, wo wir einen weiteren Aufzug nehmen und dann den ganzen Tag vor dem Computer arbeiten.
Gemäss einer internationalen Studie von 2016 hat sich der Anteil der Menschen mit Bluthochdruck in den letzten 40 Jahren fast verdoppelt hat. Alles die Folge mangelnder Bewegung?
Der Anstieg der Zahl der von hohem Blutdrucks Betroffenen in der Westlichen Zivilisation hat natürlich verschiedene Ursachen: sitzender Lebensstil, einhergehend mit Übergewicht, zunehmende Automatisierung des Lebens, Lärm, Licht und Hektik. Ein weiterer Faktor ist die Ernährung und die uneingeschränkte Verfügbarkeit von hochkalorischen, zu salzhaltigen Nahrungsmitteln und Getränken. Auch der Alkoholkonsum ist ein Problem. Zur Entwicklung der Zivilisationskrankheit Bluthochdruck beigetragen hat überdies die höhere Lebenserwartung: Mit dem Alter werden die Gefässe steifer, weshalb der obere Blutdruck bei den allermeisten ansteigt.
Kritiker der Schulmedizin wollen einen weiteren Grund kennen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Blutdruck-Grenzwerte laufend herabgesetzt. Das erhöht per Definition die Fallzahlen.
Das trifft zu, aber die Definition wurde zurecht korrigiert. Als ich Assistent war, galt 100 plus Alter, dann 160/95, dann 140/90, nun 120/70 (USA) oder 130/70 mmHg (European Society for Cardiology). Die Epidemiologie des Blutdrucks zeigt klar, dass Herzinfarkt, Hirnschlag und frühzeitiger Tod bereits im sogenannten Normalbereich mit steigendem Blutdruck zunehmen – auch hier gilt also: Der tiefste Blutdruck, bei dem einem nicht schwindelig ist, ist der Beste.
Die oben erwähnte Studie kommt zum überraschenden Schluss, dass heute nicht die wohlhabenden Industrieländer am stärksten von der Bluthochdruck-Problematik betroffen sind, sondern die Entwicklungs- und Schwellenländer.
In der Tat. In Kenia ist die Hypertonie beispielsweise eine richtige Epidemie. Die Afrikaner und Afrikanerinnen werden schnell hyperton, sobald sie salzhaltiger essen und sich weniger bewegen und in der Folge an Gewicht zunehmen. Das zeigt sich vor allem auch bei jenen, die oder deren Vorfahren nach Amerika ausgewandert sind oder verschleppt wurden.
Am meisten von Bluthochdruck Betroffenen leben in Asien. Woran liegt das?
In Indien und dem mittleren Osten ist das Übergewicht und die sitzende Lebensweise das Hauptproblem. In Japan und China ist hoher Blutdruck schon länger stark ausgeprägt und führt in dieser Ethnie vor allem zu Hirnschlägen, weniger zu Herzinfarkten. Hier spielt wohl der hohe Salzgehalt der stark konsumierten Sojasauce eine Rolle.
Sie sind sowohl in der Schweiz wie auch in England tätig. Welche Unterschiede, die Gesundheit betreffend, stellen Sie zwischen den beiden Ländern fest?
Die Engländer sind deutlich übergewichtiger, nur die Oberschicht macht regelmässig Sport – und der tägliche Pub-Besuch ist mit einem erheblichen Alkoholkonsum verbunden. Ausserdem spielt die multiethnisch zusammengesetzte Bevölkerung eine Rolle. Es hat viele Indischstämmige, die zu Übergewicht, Hochdruck und Diabetes neigen. Schliesslich ist auch das nationale Gesundheitssystem (NHS) nicht das effizienteste. Die Schweizer legen zwar ebenfalls jedes Jahr ein bisschen an Körpergewicht zu, aber deutlich weniger als in anderen Ländern. Entsprechend ist die Adipositas bei uns weniger ausgeprägt.
Jeder dritte Betroffene in Europa weiss nicht, dass sein Blutdruck zu hoch ist. Warum ist das so?
Bluthochdruck tut nicht weh. Bis erste Symptome auftreten, können Jahre oder Jahrzehnte vergehen.
Gibt es gar keine Symptome, die warnen?
Nein. Bluthochdruck ist ein stiller Killer.
Also bleibt nur die regelmässige Kontrolle beim Arzt. Aber gerade dort spielt oft der «Weiss-Kittel-Effekt» eine Rolle: Die psychologische Wirkung des Arztbesuchs lässt die Blutdruckwerte steigen, weshalb sie oft nicht repräsentativ sind oder eben verniedlicht werden?
Gewiss, deshalb muss man dreimal hintereinander messen; die erste Messung ist immer zu hoch. Es gibt aber auch die Möglichkeit einer 24-Stunden-Messung. Und einige Apotheken bieten Bluthochdruckmessungen an – dort entfällt zumeist der «Weiss-Kittel-Effekt». Und schliesslich bleibt die eigene Messung zu Hause: Jeder Haushalt sollte nicht nur einen Fieberthermometer, sondern auch ein Blutdruckmessgerät besitzen.
Welche Folgen hat ein anhaltender Bluthochdruck?
Hirnschlag, Demenz, Nierenversagen, Herzinfarkt und verfrühter Tod.
Trifft es zu, dass schon ein leicht erhöhter Blutdruck auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns, das Denken negativ beeinflusst?
Der Bluthochdruck betrifft auch die Hirngefässe und kann zu Mikroinfarkten führen. Diese Wirkung nimmt mit der Höhe des Drucks und der Dauer der Hypertonie zu.
Viele Betroffene werden medikamentös behandelt. 2012 hat jedoch eine Metastudie der Cochrane Foundation gezeigt, dass Blutdrucksenkern bei Menschen mit einem systolischen Blutdruck zwischen 140 und 160 mmHg keine Gesundheitsvorteile bringen. Stimmt das?
Das lässt sich so nicht abschliessend sagen, weil die Beobachtungsdauer, die dieser Studie zugrunde lag, zu kurz angelegt war. Auch die Anzahl erfasster Patienten war zu gering. Was entscheidender ist, ist das «Lifetime Risk», das Lebenszeitrisiko. Wenn man mit 45 einen hohen Blutdruck hat, ist es nicht entscheidend, was bis 50 passiert, vielmehr welche Komplikationen man mit 60 oder 70 erleidet. Das Risiko für Hirnschlag, Demenz, Nierenversagen, Herzinfarkt und vorzeitigen Tod hängt einerseits von der Höhe des Blutdrucks und andererseits von der Dauer des erhöhten Blutdrucks ab.
Ab welchen Blutdruck-Werten empfehlen Sie die Einnahme von Medikamenten?
Ein Blutdruck über 140 mmHg systolisch braucht in aller Regel eine lebenslange medikamentöse Therapie bei älteren wie bei jüngeren Patienten. Bei jüngeren Personen unter 60 Jahren würde ich bei einem Blutdruck über 130 mmHg systolisch zunächst eine 24-Stunden-Messung vornehmen und bei Bestätigung der Werte einen Hemmer des Renin-Angiotensin-Systems vorsehen. Ist der Patient übergewichtig, kann man die medikamentöse Therapie nach einigen Monaten überprüfen. Gelegentlich lässt sich mit Gewichtsreduktion, mehr körperlicher Bewegung und stark reduziertem Alkohol- und Salzkonsum der Blutdruck wieder normalisieren (zwischen 120-130 mmHg).
Der Artikel ist auch erschienen im «Beobachter»


