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Der heimliche Gegner beim Abnehmen

Der Markt für Diäten und Abnehmspritzen boomt wie nie zuvor. Doch die Wissenschaft zeigt, was viele nicht wissen: Unser Körper hat ein fest programmiertes Soll-Gewicht – und verteidigt diesen «Setpoint» verbissen gegen jeden Abnehmversuch.

Von Vera Bueller / 12. August 2026

Drei Kilo weniger. Für viele wäre das ein Erfolg. Nicht für Livia. «Unfair», dachte sie. Sie hatte ihre Essgewohnheiten radikal umgestellt, täglich Kalorien gezählt und monatelang trainiert – und trotzdem zeigte die Waage nur einen minimalen Rückgang von 94 auf 91 Kilo. Lange glaubte sie, sie mache etwas falsch. Livia, die hier anonym auftritt, weil sie keine Lust auf Bodyshaming hat, weiss heute: Ihr Körper verteidigte ein Gewicht, das er (und nicht sie) für richtig hielt. Denn die neueste medizinische Forschung hat ein biologisches Gesetz aufgedeckt, das mit dem herkömmlichen Glauben zum Thema Abnehmen bricht: In der DNA jedes Menschen ist ein individuelles Soll-Gewicht programmiert, ein sogenannter Setpoint. Und diesen verteidigt der Körper hartnäckig – er will ihn nicht unterschreiten. Das ist der eigentliche Grund, warum klassische Diäten fast immer scheitern.
Um diesen Setpoint zu verstehen, helfe ein Blick in die Evolution, sagt Professor Bernd Schultes, Leiter des Stoffwechselzentrums St. Gallen. «Als Jäger und Sammler mussten Menschen jederzeit mit Hungerphasen rechnen. Wer Kalorien effizient speichern konnte, hatte bessere Überlebenschancen. Dieses biologische Erbe tragen wir bis heute in uns. Sinkt das Gewicht, schlägt der Körper Alarm. Er fährt den Energieverbrauch herunter und meldet dem Gehirn: ‹Ich brauche Nahrung›.»

Wie ein Thermostat
Grob vereinfacht könne man sich den Setpoint wie das Thermostat einer Zentralheizung vorstellen. «So wie die Heizkörper bei Bedarf anspringen oder wieder ausgehen, so treiben uns körpereigene Signale dazu, die notwendigen Mengen an Nahrung zu uns zu nehmen.» Deshalb kehrten viele Menschen nach einer Diät oder auch nach einer Krankheit rasch zu ihrem ursprünglichen Gewicht zurück. Weil der Setpoint viel stärker auf Gewichtsverlust als auf Gewichtszunahme reagiere.
«Ist das Übergewicht erst einmal da, verteidigen Körper und Psyche es beharrlich – eben für schlechte Zeiten. Abnehmen wird so zum Kampf gegen die eigene Biologie», sagt Natascha Potoczna, Adipositas-Spezialistin an der Stoffwechselpraxis Zentralschweiz. Für die meisten ihrer Patientinnen und Patienten ist die Erkenntnis frustrierend, dass sich der Setpoint durch Veränderungen im Alltag nur schwer senken, jedoch recht leicht erhöhen lässt, sobald ein Überangebot an Energie vorhanden ist. Sie spricht darum lieber nicht vom Setpoint, sondern von der Energiebilanz. «Letztlich geht es um das Energiegleichgewicht.»

Gene spielen eine Rolle
Wie der Körper sein Soll-Gewicht erkennt, ist ohnehin noch nicht vollständig geklärt. Zunächst einmal beeinflussen die Gene das Gewicht einer Person. Das haben etwa Studien mit eineiigen Zwillingen gezeigt, die in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind. Sie haben nahezu das gleiche Gewicht. Wissenschaftler schätzen diesen genetischen Anteil beim Menschen auf 40 bis 80 Prozent. Auch weiss man, dass das Gehirn eine wichtige Rolle spielt. Über Hormone wie Leptin erhält es Informationen darüber, wie gross die Fettreserven sind. Sinkt das Gewicht, wertet der Körper das als Warnsignal: Der Mensch wird hungrig und sein Stoffwechsel schaltet auf Sparflamme. Das macht das Abnehmen zusätzlich schwierig.
Nur von einem genetisch festgelegten Setpoint zu sprechen, greife zu kurz, meint Natascha Potoczna. «Es ist viel komplexer und hängt von zahlreichen Faktoren ab, angefangen im Mutterleib über die Erziehung, die Ernährung, die Fitness, den Stress, den Schlaf, den Umgang mit Frust und Emotionen, die geistige Beweglichkeit und die individuelle Energieverbrennung.» Je nach genetischer Veranlagung reagiere man dann unterschiedlich auf all diese Einflüsse. «Es ist wie ein Talent, das man hat – etwa für Musik oder Zeichnen.»
Dazu kommt, dass der Setpoint nicht in Stein gemeisselt ist. Epidemiologische Daten zeigen, dass er sich von der Geburt bis zum Tod auf natürliche Weise verändert und sich je nach Lebensphase und hormonellen Veränderungen nach oben verschiebt. Deshalb sprechen manche Forschende lieber von einem dynamischen «Einstellpunkt». Auf den auch die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss hat: «In den 60er-Jahren galt bei uns ein BMI von 21 als ideal. Heute sprechen wir schon von 25», sagt die Adipositas-Spezialistin.

Ständige Verfügbarkeit von Lebensmittel 
Epidemiologische Studien zeigen denn auch, dass äussere Faktoren wie das Nahrungsangebot – oder genauer: die Energiemenge pro Gramm Lebensmittel (Kaloriendichte) – vor allem langfristig Einfluss haben. Wenn Menschen beispielsweise aus Afrika in die USA emigrieren, nehmen die meisten von ihnen deutlich zu. Anschliessend verteidigt ihr Körper das neue Gewicht. Anschliessend verteidigt ihr Körper das neue Gewicht. Denn die ständige Verfügbarkeit hochverarbeiteter Lebensmittel, die reich an Fett, Zucker und Salz sind, überreizen das Belohnungssystem im Gehirn. Sie überstimmen die natürlichen Sättigungssignale.
In ihrer Praxis erlebt Natascha Potoczna täglich, was diese biologische Hartnäckigkeit für die Betroffenen bedeutet. Zu ihr kommen vor allem diejenigen, die schon alles probiert haben. Sie hört dann immer die gleiche Geschichte: Erst geht es runter, dann stockt es und am Ende ist das Gewicht wieder da – oder sogar mehr als zu Beginn der Diät. Der bekannte Jo-Jo-Effekt. «Ich würde am liebsten alle Diäten verbieten», sagt sie. Auch Bernd Schultes betont, dass Diäten und Kuren weder dem Körper noch der Seele guttun. Es sei eine Illusion, dass sich der Magen dadurch verkleinert und man deshalb dauerhaft weniger isst. Am Beispiel von Marathonläufern, die durch das Training spindeldürr geworden sind, könne man sehen, was passiert, wenn sie mit dem Sport aufhörten. «Sie werden genauso übergewichtig wie zuvor. Heilen kann man Übergewicht nicht! Das ist der wissenschaftliche Stand heute.»
Aber die Vorstellung, dass es einen Setpoint gibt, dessen Absinken der Körper mit allen Mitteln verteidigt, tröstet immerhin: «Ich kann ja nichts dafür. Es ist eine chronische Erkrankung, genauso wie andere an Bluthochdruck oder Parkinson leiden.» Das heisse aber nicht, dass man sich einfach gehen lassen soll, stellt Natascha Potoczna klar. Deshalb richtet sie in ihrer Beratung die Aufmerksamkeit mehr auf die Lebensqualität als auf das Gewicht. «Mit Ernährung kann man viel erreichen. Sich gesund ernähren bedeutet jedoch nicht automatisch, dass man das Soll-Gewicht erreicht. Aber man verbessert seine Gesundheit.»

Auch die Abnehmspritze stösst auf Grenzen
Manchen wird diese «Setpoint»-Theorie als Jo-jo-Effekt bekannt vorkommen, und in der Tat: «Wir kennen all diese Mechanismen aus der Forschung seit Jahrzehnten. Aber durch die modernen Abnehmmedikamente und -therapien werden wir wieder stärker auf sie aufmerksam», sagt Bernd Schultes. Er meint vor allem die neuen Abnehmspritzen und ihren Einfluss auf das Darmhormon GLP-1. Der Wirkstoff in den Spritzen ist in der Lage, das körpereigene Hormon nachzuahmen, das dem Gehirn Sättigung signalisiert und die Magenentleerung verlangsamt. Doch auch die Abnehmspritzen scheinen den Setpoint kaum zu beeinflussen. «Sie wirken nach heutigem Wissensstand nur, solange man sie einsetzt – nach der Therapie geht es meist rasch wieder aufwärts mit den Pfunden.» Professor Schultes glaubt jedoch an eine rasante und für die Pharmaindustrie einträgliche Entwicklung in der synthetischen Biologie. «In den nächsten zehn Jahren wird viel Neues auf den Markt kommen. Im Prinzip zwar Ähnliches wie die Abnehmspritze, aber verknüpft mit neuen Technologien und unter Nutzung körpereigener Mechanismen. Die Frage ist nur, was sich durchsetzt, akzeptiert wird und was es kostet.»
Livia wird das nicht mehr brauchen. Sie hat sich mit ihrem Gewicht versöhnt: «Ich war nie dünn und werde es auch nie sein. Der Körper will es so. Punkt.» Essen sei doch etwas sehr Schönes, und sie sehe dabei stets so glücklich aus, habe ihr Partner festgestellt. «Und er findet mich schön, so wie ich bin.»

Tipps im Umgang mit dem Setpoint:

  • Keine Radikalziele setzen: Schon kleine, dauerhafte Veränderungen sind ein Erfolg.
  • Nicht nur auf die Waage schauen: Ein besseres Befinden, mehr Fitness, bessere Blutwerte und weniger Schmerzen zählen auch.
  • Langsam statt streng: Extreme Kalorienreduktion löst eher Gegenwehr des Körpers aus.
  • Gewicht stabilisieren als Erfolg sehen: Nicht weiter zuzunehmen, kann bereits ein realistisches Ziel sein.
  • Regelmässig essen, Heisshunger vermeiden: Das kann helfen, den Alarmmodus des Körpers nicht zusätzlich anzufeuern.
  • Bewegung als Unterstützung, nicht als Strafe: Sie verbessert Gesundheit auch ohne grosse Gewichtsabnahme.
  • Mit Rückschlägen rechnen: Sie sind nicht automatisch ein Zeichen von mangelnder Disziplin.
  • Akzeptanz statt Dauerkrieg: Wer den eigenen Körper weniger bekämpft, hält Veränderungen oft eher durch.

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