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Diese Symptome können ins Auge gehen

Wenn plötzlich Punkte flimmern oder Blitze vor dem Auge tanzen, sollte man sofort zum Arzt gehen. Es könnte sich um eine Netzhautablösung handeln. Aber auch andere Symptome werden oft zu spät ernst genommen.

Von Vera Bueller / 18. Mai 2025

Es geschah unter der Dusche beim Haare waschen. Judith Hauser* spürte plötzlich einen Fremdkörper im linken Auge. Sie vermutete, dass etwas Shampoo eingedrungen war und spülte es vorsichtig mit klarem Wasser aus. Dass ihre Sicht durch eine leichte Trübung beeinträchtigt war, nahm sie nicht ernst. Doch als am nächsten Tag eine graue Wolke im linken Auge ihre Sicht deutlich einschränkte, geriet sie in Panik und suchte ihre Augenärztin auf. Zu spät: Judith Hauser hatte einen Augeninfarkt erlitten – der freilich nichts mit dem Shampoo zu tun hatte. Und sie hätte sofort in die Notaufnahme gemusst, innerhalb von vier Stunden.
Ein Augeninfarkt ist eine plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung in der Netzhaut des Auges. Dies passiert, wenn ein Blutgefäss blockiert wird, ähnlich wie bei einem Herzinfarkt. Dadurch bekommen Teile der Netzhaut keinen Sauerstoff mehr und können absterben. Dies kann zu Sehverlust führen, der in der Regel dauerhaft ist.

Ursache: ein Schlaganfall?
Vielleicht hätte man den Verschluss der Blutgefässe, die die Netzhaut versorgen, bei Judith Hauser noch auflösen können, wenn sie sofort in die Klinik gegangen wäre. «Vor allem aber muss in einem solchen Fall sofort abgeklärt werden, welche Ursache hinter dem Gefässverschluss steckt», sagt Martin Schmid, Chefarzt der Augenklinik des Kantons Luzern. «Wir überweisen diese Patienten direkt ins Schlaganfallzentrum.»
Und was, wenn man plötzlich am Rand des Sehfelds, in den Augenwinkeln, Erscheinungen wie dunkle Punkte, Flimmern oder Blitze sieht? «Diese Symptome deuten auf eine beginnende Netzhautablösung hin. Dabei löst sich die lichtempfindliche Schicht der Netzhaut ab.» Dann sollte man auch sofort in die Notaufnahme gehen. In der Regel könne die Haut innerhalb von 24 bis 48 Stunden durch eine Operation wieder zum Anliegen gebracht werden. «Wir haben aber festgestellt, dass 50 Prozent der Betroffenen zu spät zu uns kommen.» Hinderlich für die Früherkennung sei nämlich, dass sich die Netzhaut langsam von aussen ablöse und erst am Ende den Punkt des schärfsten Sehens in der Mitte des Auges erreiche. Dies ist der Zeitpunkt, an dem der Patient oder die Patientin die Sehbehinderung bemerke. Oftmals sei es dann zu spät.

Hornhautentzündung bei Kontaktlinsenträger 
Für den Laien ist es aber ohnehin nicht einfach, die Dringlichkeit von Augenbeschwerden einzuschätzen: Symptome wie Jucken, Augenrötung oder eine kurzzeitige Eintrübung der Sicht oder gar Lichtblitze können harmlos sein. Martin Schmid rät, sich im Zweifelsfall zunächst telefonisch an eine medizinische Einrichtung zu wenden. Wenn aber das Auge stark gerötet ist, es brennt und schmerzt und sich wie ein Fremdkörper anfühlt, deutet das auf eine Hornhautentzündung hin. Häufig sind Kontaktlinsenträger von einer Hornhautentzündung betroffen: Zu langes Tragen oder schlechter Sitz der Linsen sowie unachtsamer Umgang mit Pflegemitteln schädigen die Hornhautoberfläche und lassen Bakterien eindringen. «Diese Fälle haben in den letzten Jahren enorm zugenommen», bemerkt Martin Schmid. Das Problem: Durch das Tragen von Kontaktlinsen stumpft das Auge ab, wird schmerzunempfindlicher. «Auch deshalb wird ein Schaden oft zu spät entdeckt. Das kann bis zur Erblindung führen.»

Alter allein ist nicht schuld
Martin Schmid betont, dass viele Veränderungen im Auge nicht rechtzeitig wahrgenommen, da sie schleichend und meist ohne Schmerzen auftreten. «Man verschleppt dadurch die Erkrankung. Die meisten Menschen schieben beispielsweise den Verlust der Sehkraft auf das zunehmende Alter. Aber das ist ein Irrtum! Das Alter allein führt nicht zum Verlust der Sehkraft. Man sieht mit 90 noch genauso gut wie in der Jugend. Hinter einer Veränderung steckt immer ein Krankheitsprozess, zum Beispiel der Graue Star». Der Graue Star (Katarakt) ist eine Augenerkrankung, bei der sich eine oder beide Augenlinsen eintrüben. Die Symptome sind verschwommenes Sehen, Lichthöfe um Lichtquellen und eingeschränkte Nachtsicht. Typischerweise betrifft sie ältere Menschen, kann aber in jedem Alter auftreten. «Und man sollte den Grauen Star behandeln lassen, sobald die Sehbeeinträchtigung im Alltag stört», sagt Martin Schmid.

Je schneller, desto dringender
«Eine frühzeitige augenärztliche Untersuchung und Behandlung ist auch für Diabetiker wichtig. Sie haben ein erhöhtes Risiko für Augenerkrankungen, insbesondere für die diabetische Retinopathie», ergänzt der Arzt. Diese entsteht durch Veränderungen der kleinen Blutgefässe in der Netzhaut infolge erhöhter Blutzuckerwerte und kann unbehandelt zu erheblichen Sehbeeinträchtigungen bis hin zur Erblindung führen.
Auf die abschliessende Frage, wie dringend man denn nun bei welchen Symptomen handeln müsse, antwortet Martin Schmid mit einem Lachen: «Ich habe eine vielleicht etwas saloppe Faustregel: Je schneller etwas auftritt, desto akuter und dringender ist es». Dann aber präzisiert er: Der Augeninfarkt und die Verätzung der Augen durch chemische Flüssigkeiten oder auch Augenverletzungen seien absolute Notfälle. «Wenn man eine andere ausserordentliche Veränderung bemerkt, die oft einseitig und plötzlich auftritt, sollte man noch am selben Tag reagieren.» Was man nicht tun sollte: Augen reiben und mit Hausmitteln wie Kamillentee oder Milchwasser spülen – wenn überhaupt, dann nur mit klarem Wasser. Vor allem aber warnt der Arzt davor, irgendwelche, oft längst abgelaufenen Augentropfen aus der Hausapotheke zu verwenden. «Ich hatte einen Patienten, der mit einer Hornhautentzündung zu mir kam und sich die Sache selbst verschlimmert hatte. Er hatte kortisonhaltige Augentropfen seines längst verstorbenen Grossvaters verwendet.»

Häufig unterschätzte oder ignorierte Augensymptome:

  • Verschwommene Sicht/allmählicher Sehverlust: Dies kann auf ernsthafte Erkrankungen wie den Grauen Star (Katarakt) hinweisen. 
  • Plötzliche Lichtblitze oder Sehen von dunklen Schwebeteilchen/herabsinkenden Punkten: Diese Symptome können auf eine Netzhautablösung hindeuten. Innerhalb weniger Stunden zum Arzt – Operation i. R. innerhalb von 24-48 Stunden.
  • Schmerzen, Rötung und Lichtempfindlichkeit: Diese Anzeichen können auf eine Hornhautentzündung (Keratitis) hinweisen, insbesondere bei Kontaktlinsenträgern.
  • Plötzlicher Sehverlust oder Gesichtsfeldausfälle: Diese können Symptome eines Augeninfarkts (auch als Sehsturz bezeichnet) oder eines Schlaganfalls sein. Behandlung innerhalb von 4 Stunden.
  • Bei chemischen Verätzungen: Unmittelbar mit dem Spülen beginnen (mind. 15 Minuten) und sofort medizinische Hilfe suchen.

Der Text ist auch im "Beobachter" erschienen

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