
Artikel teilen:
«Es gibt keinen Grund, Tiere defektzuzüchten»
Seit 25 Jahren ist Professor Achim Gruber als Tierpathologe tätig. Er untersucht Proben, wenn kranke Patienten mit Fell oder Federn den Tierärzten Rätsel aufgeben. Er obduziert auch Haus- und Zootiere, die überraschend starben. In seinem Buch «Das Kuscheltierdrama» klärt er über reinrassige und andere Irrwege auf und beschreibt, wie manche Menschen ihre Haustiere aus Unwissenheit «zu Tode lieben».
Von Vera Bueller / 1. Juni 2019
Vera Bueller: Was war Ihr erstes Tier?
Professor Achim Gruber: Eine Handvoll Tanzmäuse. Die waren früher sehr beliebt und galten als exotisch, weil sie sich den ganzen Tag im Kreis drehten. Heute wissen wir, dass es die Folge eines genetischen Defekts des Gleichgewichtsorgans war. Aus heutiger Sicht ist das eindeutig Qualzucht, die finden Sie nicht mehr im Handel. Ein Fortschritt aus wissenschaftlicher und ethischer Sicht, der leider nicht für andere Defektzuchten zu beobachten ist.
Deshalb auch der Titel Ihres Buches: «Das Kuscheltierdrama». Worin besteht das Drama?
Als Tierpathologe beobachte ich, dass wir unsere Haustiere, die wir zunehmend wie Sozialpartner und Familienmitglieder behandeln, manchmal zu Tode lieben. Auf dem Sektionstisch sehe ich dann oft das traurige Ende einer Schicksalsgemeinschaft, die eigentlich gut gemeint war. Die Tragödie besteht darin, dass übertriebene und falsch verstandene Tierliebe, verbunden mit Unwissenheit, zu Leiden und Tod unserer Kuscheltiere führen kann. Das gilt besonders für die vielen Zuchten von Haustieren mit gewünschten oder in Kauf genommenen Defekten.
Konkret welche?
Mir machen besonders die extrem kurznasig gezüchteten Möpse und Bulldoggen grosse Sorgen. Sie können bei körperlicher Belastung, bei Hitze und oft schon in normalem Ruheschlaf nicht mehr richtig atmen, sie röcheln und können leichter ersticken. Diese armen Tiere haben nicht selten viele weitere Gesundheitsprobleme an ihren Augen, der Haut und anderen Organen. Besorgniserregend ist auch, dass wir manche Rassen immer grösser und schwerer züchten, was zu vielen orthopädischen Katastrophen und zu Knochenkrebs führen kann. Traurig ist auch die Zucht auf Schönheit, wenn besonders hübsche und auffällige Fellfarben mit dem Risiko der Taubheit oder anderer Defekte von Sinnesleistungen einhergehen, wie etwa beim Dalmatiner oder den heute sehr populären Merle-Schecken. Diese Merle- oder Tigerschecken finden Sie mittlerweile in viele Hunderassen eingekreuzt, leider!
Warum sind denn solche Zuchtformen so beliebt?
Ich bin kein Psychologe. Mir scheint aber, manche Menschen schmücken sich gern mit Extremen. Ein anderes Motiv ist die Zucht auf menschenähnliches Aussehen: Die kurznasig und rundköpfig gezüchteten Hunde erinnern viel mehr an Menschenköpfe als an einen Hund, was es leichter macht, sie als Kindersatz oder Sozialpartner zu akzeptieren. Neuere Untersuchungen lassen sogar darauf schliessen, dass es die vermehrte Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit dieser krank gezüchteten Tiere sind, die unseren Pflegetrieb bedienen und unsere Bindung an sie verstärken. Den Preis ihrer Leiden nehmen wir dafür offenbar in Kauf und lassen die Tiere mit ihrer Gesundheit bezahlen.
Sie sagen, dass Tiere heute so gezüchtet werden, dass sie menschenähnlicher wirken.
Für mich spiegelt das die Veränderungen in unserer Gesellschaft wider, wenn Tiere immer mehr den Platz einnehmen, den früher andere Menschen eingenommen haben. Das Kindchenschema bei manchen Hunderassen als Ersatz für nie gehabte oder aus dem Haus gegangene Kinder ist ein altes Klischee, aber heute zutreffend wie nie zuvor. Zusätzlich nimmt die allgemeine Einsamkeit in der Gesellschaft zu, nicht nur bei älteren Menschen, wenn Kinder fehlen, wegziehen oder die Eltern schlichtweg vergessen.
Was ist falsch daran, wenn ein Tier zur Familie gehört, zum Sozialpartner und verwöhnt wird?
Nichts, wenn man die Tiere Tiere sein lässt und verantwortungsvoll mit ihnen umgeht. Ich will das gar nicht verurteilen, wenn Tiere den Platz einnehmen, den andere Menschen nicht mehr ausfüllen. Tiere dürfen dabei aber nicht ihrer natürlichen Bedürfnisse und ihrer Gesundheit beraubt werden. Wenn Haustiere zu Kuscheltieren werden, besteht leicht Verwechslungsgefahr mit Stofftieren.
Wo gibt es klare Grenzen?
Ich erlebe, dass Besitzer ihr eigenes Weltbild auf ihre Haustiere projizieren. Manche Vegetarier und Veganer können es nicht ertragen, dass ihr Tier Fleisch frisst. Sie ernähren dann ihre Hunde und Katzen fleischlos, was diesen nicht gut bekommt. Ein anderer Besitzer füttert seine Katze nur mit besten Pralinen. Oder Hygiene wird dramatisch vernachlässigt, ungeachtet der vielen Krankheitskeime, die zwischen Menschen und Tier übertragen werden können. Wir kennen weit über 250 davon, und nicht wenige können das Tier oder den Menschen umbringen.
Kann ein Mensch Bedürfnisse von Heimtieren überhaupt wahrnehmen?
Unsere Fähigkeit, Tiere wirklich zu «lesen» und ihre jeweiligen Bedürfnisse und Sorgen zu verstehen, ist oft weniger ausgeprägt, als wir meinen. Wir können ja nicht mal andere Menschen zuverlässig «lesen» und verstehen. Unsere Sinne sind Tieren gegenüber noch viel schlechter. Die meiste Zeit in der Evolution, die unsere Sinne geprägt hat, haben wir Tiere gejagt und gegessen. Von Verständnis keine Spur. Aber wir können das lernen, sagen mir die Verhaltenskundler.
Müssen wir Tiere ethisch auf die gleiche Stufe stellen wie Menschen?
Der Grossteil unserer Gesellschaft stellt Tiere nicht mit Menschen gleich und akzeptiert, dass wir ihnen Opfer abverlangen dürfen für die Leistungen, die sie für uns erbringen. Die Opfer von Schlachtschweinen, Legehennen und Versuchstieren werden mit einem «vernünftigen Grund» aufgewogen. Aus ethischer Sicht muss das Ausmass des Leids mit dem Gewicht des Grundes abgewogen werden. Versuchstieren werden mit gutem Gewissen schwere Opfer abverlangt für die Entwicklung von Krebsmedikamenten, nicht jedoch für Kosmetika. Mir scheint, dass diese Abwägung für viele unserer Haustiere aus der Balance geraten ist, oder viele Menschen darüber zu wenig nachdenken. Welchen vernünftigen Grund haben wir, unsere in die Familie aufgenommenen Lieblinge krank oder taub zu züchten oder ihnen ihre Atmung bis zur Todesangst zu nehmen?
Welche Tierarten obduzieren Sie und wozu, für wen?
Wir untersuchen alle befellten, befiederten, bepanzerten oder beschuppten Tiere, vom Aquariumfisch bis zum Elefanten. Sie werden uns von Besitzern, Tierärzten, Landwirten und vielen anderen Personen oder auch von Zoos, Zirkussen und therapeutischen Einrichtungen gebracht, die wissen wollen, ob sie etwas falsch gemacht haben oder ob andere Tiere oder sie selbst durch Infektionserreger in Gefahr sind. Auch die Polizei, Gerichte oder der Staatsanwalt beauftragen uns, wenn es um die Aufklärung von Verbrechen oder Tiervernachlässigung geht. Oder Versicherungen wollen die wahre Todesursache eines hoch lebensversicherten Rennpferdes geklärt haben.
Welches waren die traurigsten Fälle?
Extrem kurznasige Hunde, die im Sommer an Hitzschlag starben, weil sie erst defektgezüchtet wurden und dann in der Mittagshitze Bällen hinterherjagen mussten. Besonders traurig war auch der Fall eines alten Mannes, der erst seine Hündin und dann sich selbst mit derselben Pistole erschossen hatte. Er war mit ihrem Gesäugetumor zu spät zur Tierärztin gegangen, als die Metastasen bereits gestreut hatten. Als der Krebs die Lunge durchwuchert hatte und seine Hella kaum noch atmen konnte, erlöste er sie und nahm sich dann selbst das Leben. Den schrecklichsten Anblick boten mir Wasserleichen von Kampfhunden, die lebend mit Steinen um den Hals in einen Fluss geworfen worden waren. Als sie nach einigen Wochen durch Fäulnisgase ballonartig aufgetrieben waren, trugen sie selbst die Steine wieder nach oben. Die Obduktion war unglaublich abstossend.
Werden Sie bei Ihrer Arbeit auch mal wütend?
Ja! Selbst nach 25 Berufsjahren machen mich so manche Kuscheltierdramen richtig wütend, wenn blinder Egoismus, mangelnde Sensibilität oder fehlendes Verantwortungsbewusstsein zu unnötigem Leid oder zum Tod führen. Solche Ursachen sehe ich viel häufiger als Gewaltverbrechen an Tieren, Vernachlässigung oder psychopathische Ausnahmen wie sexuellen Missbrauch von Tieren. Die schlimmen Ausnahmen gibt es immer, aber die in der Gesellschaft weit verbreiteten und wirklich unnötigen Tragödien durch Krankzüchten oder falsch verstandene Tierliebe will ich nicht hinnehmen.
In Ihrem Buch beschreiben Sie zwar Tierschicksale, dennoch sagen Sie, es gehe Ihnen viel mehr um uns Menschen. Wie meinen Sie das?
Bei der Obduktion bringe ich die Tiere zum Sprechen. Sie berichten mir, woran sie zu Lebzeiten gelitten haben und warum sie sterben mussten. Die von mir in meinem Buch beschriebenen Tierschicksale halten uns Menschen den Spiegel vor, wie wir mit unseren «Lieblingen» und «besten Freunden» umgehen. Das berührt mich, denn die Tiere sind uns wie Kinder, Untertanen oder Schutzbefohlene anvertraut und deshalb tragen wir eine Verantwortung für ihr Wohlergehen. Das gilt besonders für die von uns extremgezüchteten Rassen, die wir nach unseren Wünschen geformt haben und dabei viele krankgezüchtet oder sie um ihr artgerechtes Verhalten beraubt haben. Wir müssen wieder das richtige Mass finden, besonders in einer vereinsamenden Gesellschaft, in der Haustiere immer wichtiger werden: Für welchen «vernünftigen Grund» dürfen wir ihnen diese Opfer abverlangen?
Kuscheltierdrama
Mit dem Sektionsmesser in der Hand macht Achim Gruber aufmerksam auf Probleme in der Heimtier-Mensch-Beziehung, mit teils schlimmen Konsequenzen für beide. Er macht dies fest an den 25 dramatischsten, bewegendsten, unterhaltsamsten, teils auch lustigsten Fällen aus 25 Berufsjahren Tierpathologie. Vier Themen stehen im Fokus des Buches:
- True Crime an Haustieren: Vernachlässigung, Tierquälerei, brutale Tötungen, Sodomie. Alles Ausdruck menschlicher Psychopathologien.
- Alte und neue Infektionskrankheiten: Menschenerreger töten Tiere, Tiererreger töten Menschen.
- Qualzucht: Unsere Kuscheltiere werden nach Belieben durch Zucht zu kranken Monstern, Mumien und Mutanten geformt.
- Kuriose Folgen der Nähe: Es werden kuriose Einzelfälle geschildert, als Folgen unserer teils entarteten Mensch-Tier-Beziehung.
Das Buch will mit Tipps und Empfehlungen auch Ratgeber sein. Und am Einzelschicksal spiegelt Gruber das Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft: Was geht schief in unserer Gesellschaft? Warum behandeln wir unsere Tiere so?
Besonderheit: Im gesamten Buch wird die weibliche Form «Tierärztin» auch fürs männliche Geschlecht benutzt weil es sehr viel mehr Frauen als Männer im Beruf gibt.


