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Weihnachtliche Frauenpower
Während in der Deutschschweiz noch darüber debattiert wird, ob der Samichlaus auch weiblich sein darf, ist die Sache im Tessin und in einigen Gebieten der Westschweiz längst klar: Dort kommen die Geschenke traditionell von Frauen.
Von Vera Bueller / 14. Dezember 2025
Fröhlich quietschend rennen die Kleinen durchs Begegnungszentrum «La Filanda» in Mendrisio, aufgeregtes Gejauchze und Rufen ist zu hören. Es ist ein besonderer Tag: der 6. Januar, der Tag der «Befana», der guten Hexengestalt aus Italien. Diesmal heisst die Hexe Desy, kommt vom Zirkus Tonino, und ruft ein Kind nach dem anderen zu sich. Behutsam schminkt sie die Gesichter der Kleinen und verwandelt sie in faszinierende Hexen- und Zaubererkunstwerke – gruselig, exotisch oder auch einfach nur lustig. Kindliche Verspieltheit trifft hier auf Tradition.
Ihren Ursprung hat die Figur der Befana im Volksglauben, sie wird aber auch mit den biblischen Weisen aus dem Morgenland in Verbindung gebracht, die das Jesuskind beschenkten. Der Legende nach erzählten Hirten der Befana von der Geburt Jesu. Ihr Wunsch war es, mit ihnen vom Stern von Bethlehem zur Krippe geführt zu werden. Da sie sich aber dafür speziell herausputzen wollte und zu lange mit dem Schminken beschäftigt war, verpasste sie den Anschluss und der Stern erlosch. Weil sie das Neugeborene nicht mehr allein finden konnte, fliegt sie seitdem immer in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar auf ihrem Besen von Haus zu Haus und wirft allen braven Kindern Geschenke in den Kamin, in der Hoffnung, dass das Christkind darunter ist. Wer aber unartig war, bekommt nur «Kohlen» geschenkt. Natürlich bekommen die Kinder keine echten Kohlen, sondern Süssigkeiten, die so aussehen. Die Befana will die Kinder so belehren, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben, ob gut oder schlecht.
Erscheinung des Herrn
Am ehesten lässt sich die Weihnachtshexe «La Befana» mit dem deutschen Nikolaus vergleichen. Auch er beschenkt brave Kinder und lässt die unartigen bestrafen. Der Name «Befana» leitet sich von «Epifania» (Erscheinung des Herrn) ab, dem italienischen Wort für Epiphanie, wie das Fest der Heiligen Drei Könige im katholischen Kirchenkalender bezeichnet wird. Im Tessin ist der Dreikönigstag ein offizieller Feiertag, mit dem die Weihnachtsfeierlichkeiten enden. Hier und in Teilen des Bündnerlandes feiern die Menschen diesen Tag im Kreise der Familie. Es wird gemeinsam gegessen und die Kinder beschäftigen sich mit den Geschenken, die sie bekommen haben. Zwar spielt im Tessin das Christkind an Weihnachten ebenfalls eine Rolle, aber die grosse Bescherung bringt die Befana am Dreikönigstag.
Weihnachtliche Frauenpower regiert auch in regionalen Volksbräuchen und Traditionen in der Westschweiz: In den Juratälern und im französischsprachigen Wallis beschenkt «Dame de Noël», Frau Weihnacht, die Kleinen und Kleinsten, im Waadtland die «Chauche-vieille» («ältliche Frau»). Während die Befana ein Import aus Italien ist, wurde die Dame de Noël von französischen Einwanderern in die Westschweiz gebracht. Sie zieht in der Nacht von Heiligabend mit ihren Geschenkesäcken, begleitet von einem Esel und einem Schaf, durch die Dörfer.
Wie bei der Befana geht die Legende der Dame de Noël auf vorchristliche Bräuche zurück. In der Nacht der Wintersonnenwende ist die Nacht am längsten und der Tag am kürzesten. Nach der Wintersonnenwende werden die Tage dann wieder länger. Die Wintersonnenwende hat seit Jahrtausenden einen hohen Stellenwert in vielen Kulturen und Religionen. Viele Bräuche und Feste wie Weihnachten, Jul oder Jól, das Lichtfest und viele andere sind damit verbunden. Ursprünglich brachte die Dame de Noël die Geschenke jedoch nicht an Weihnachten, sondern am Nikolaustag. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich in der Westschweiz der Brauch durch, dass die Dame de Noël ihre Gaben an Weihnachten verteilt.
Mystische Hexe
Vor allem in ländlichen Gegenden des Waadtlandes herrscht die «Chauche-vieille», manchmal auch «Chaussevieille», «La Vielle» oder auch «La Tante Arie» genannt. Sie ist eine ambivalente mythische Hexe, die sowohl böse als auch nützlich sein kann. So gilt sie einerseits als Verursacherin von Albträumen und erwürgt ihre Opfer nachts, indem sie ihnen die Kehle zertritt. Anderseits ist die Chauche-vieille heute vor allem aber eine ältere Frau, die am Weihnachtsabend – je nach Region auch erst in der Silvesternacht – mit ihrem Esel, beladen mit Geschenken, von Haus zu Haus zieht. In die Schuhe, die die Kinder vor die Tür stellen, legt sie Süssigkeiten, Trockenfrüchte oder Bricelets, manchmal aber auch eine Rute. Früher legten die Kinder noch Heu für den Esel der Chauche-vieille vor die Haustür. Ein Brauch, der heute ausgestorben ist.
Anders als bei der Befana und der Dame de Noël wird der Ursprung der Chauche-Vieille je nach Quelle unterschiedlich gedeutet. Mehrheitlich geht man jedoch davon aus, dass auch die Legende von Chauche-Vieille auf vorchristliche Bräuche im Zusammenhang mit der Wintersonnenwende zurückgeht, als «Perchten» umherzogen. Perchten sind schöne oder auch hässliche Gestalten aus dem Alpenraum, die je nachdem das Gute oder das Böse symbolisieren. Typisch sind groteske Masken, Pelzgewänder und Glocken oder Schellen, mit denen die Perchten Lärm machen.
Die Vielfalt der Weihnachtstraditionen in der Schweiz und in den angrenzenden Ländern spiegelt sich in den regionalen Besonderheiten der drei Frauenfiguren wider. Allerdings übernehmen sie heute für viele Kinder nur mehr die Rolle der Geschenkebringerin. Befana, Dame de Noël und Chauche-Vieille sind aber nicht nur Geschenkebringerinnen, sondern auch Erzieherinnen. Sie vermitteln den Kindern wichtige Lektionen über Respekt, Grosszügigkeit und die Konsequenzen des Handelns. Sie sind also keine blossen Ersatzfiguren für den Nikolaus oder das Christkind, sondern eigenständige Charaktere. Es sind Frauenfiguren, die in den christlich geprägten Traditionen des Tessins sowie in Teilen der der Romandie seit langem fest verankert sind. Und sie alle bringen auf ihre Weise weihnachtliche Frauenpower in die Stuben.
Weibliche Gottheiten
Die Bedeutung weiblicher Figuren in der Weihnachtstradition geht jedoch noch weiter zurück als die Legenden von Befana, Dame de Noel und Chauche-Vieille. In vielen alten Kulturen wurde die Geburt des neuen Jahres durch weibliche Gottheiten symbolisiert. In der griechischen Mythologie war die Göttin Hekate die Hüterin der Schwelle zwischen dem alten und dem neuen Jahr, während in der römischen Mythologie die Göttin Strenia das neue Jahr einläutete. In der germanischen Mythologie war die Göttin Freya die Hüterin der Fruchtbarkeit und damit auch der Wiedergeburt und des Neubeginns.
Box: Keine Frau Chlaus
Als die Zürcher St. Nikolausgesellschaft vor sieben Jahren eine Frau zur Präsidentin wählte, lag es auf der Hand, dass nun auch Frauen als Samichlaus und Schmutzli durchs Land ziehen dürfen. Doch weit gefehlt. Karin Diefenbacher, die Präsidentin, erklärte, dass Frauen höchstens als «Eseli» – also als Chauffeurin der Männer – bei den Chlausbesuchen dabei sein dürften. «Der Samichlaus ist und bleibt ein Mann, basta. Heute wird an allem gerüttelt, und alles muss modern sein. Der Samichlaus ist eine Tradition, und auch wenn das für viele nicht mehr zeitgemäss ist: Für uns ist das gut so.» Eine Aussage, die unter Politikerinnen und Politikern 2019 eine heftige Debatte auslöste.


