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«Antidepressiva auf vier Pfoten»

Was Therapeuten oft nicht gelingt, schaffen Tiere in Sekundenschnelle: Sie bringen Menschen zum Lachen, geben neuen Lebensmut. Ärztin Suzanne von Blumenthal erklärt, wie eine tiergestützte Therapie funktioniert.

Von Vera Bueller / 27. Oktober 2017

Selezione: Was können Tiere in der Therapie besser als Menschen?

Dr. med. Suzanne von Blumenthal: Sie kommunizieren anders. Tiere reden nicht. Das heisst auch, dass sie nicht kritisieren. Und sie sind zutraulich – vor allem Katzen und Hunde. Man kann sie streicheln, sie schmusen – es ist eine ganz andere Art der Kontaktaufnahme als mit Menschen. Bei Tieren kommt immer etwas zurück, es ist ein Erlebnis. Und der kranke Mensch begegnet einem Tier auch anders als einem Therapeuten. Bei diesem spielen immer Assoziationen mit, Erinnerung an Frauen, Männer, Sympathien, Antipathien.

Aber nicht alle Menschen mögen Tiere.

Ja, natürlich. Aber die meisten Menschen haben einen positiven Bezug zum Tier – unabhängig davon, ob sie selber jemals eines gehabt haben. Vertrauen zu einem Tier aufzubauen ist deshalb für viele einfacher als zu einem Menschen. Und bei jeder Therapie geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Depressive haben oft zu wenig Vertrauen in andere und vor allem auch zu wenig Selbstvertrauen. Vertrauen ist jedoch das Gegenstück zur Angst. Bei den meisten psychischen Störungen, auch bei der Depression, ist deshalb die Angst die stärkste Emotion, die einer Gesundung im Wege steht.

Wird dazu je nach Patient ein anderes Tier eingesetzt – je nachdem, ob jemand ein Katzen-, Hunde- oder Pferde-Typ ist?

Nein nicht prinzipiell. Nur in Altersheimen, bei dementen Personen, eigenen sich Katzen besser. Man kann sie streicheln, sie schnurren. Bei Depressionen setzt man vor allem Hunde und Pferde ein.

Warum Hunde und Pferde?

Hunde aktivieren. Man muss mit einem Hund raus und laufen gehen, mit ihm spielen, einfache Übungen machen. Die Patienten sind dann auf das Tier fokussiert, sie vergessen zum Beispiel, dass sie Schwindel haben oder müde sind.

Es braucht also den direkten Kontakt mit dem Tier? Es genügt nicht, in einen Zoo zu gehen oder zu Hause Rennmäuse im Käfig oder Goldfische in Terrarium zu beobachten?

Der Patient muss aktiv mit dem Tier sein. Aber natürlich kann allein schon die Tatsache, dass man sich um ein Tier kümmern muss, einen positiven Effekt haben. Schlangen kommen einem zur Begrüssung nicht wie Hunde freudig entgegengelaufen. Da fehlt die soziale Komponente. Was gut funktioniert, wir aber in der Schweiz nicht haben, ist die Therapie mit Delphinen.

Wie funktioniert die Therapie konkret?

Es sind wöchentlich zwei bis drei je halbstündige Therapiesitzungen. Man führt die Patienten an das Tier heran, geht mit ihnen spazieren, macht leichte Übungen – je nach Alter und Art des Patienten andere –, lässt sie miteinander spielen. Wir kennen in der Region verschiedene Hundehalter, die uns via Hundeverein vermittelt werden. Bei der tiergestützten Therapie mit Pferden fahren wir zu entsprechenden Pferdestallungen in der Umgebung.

Was ist bei der Therapie mit Pferden anders?

Auch beim Pferd geht es um Kontaktaufnahme und Vertrauensbildung. Es ist ähnlich wie beim Hund, aber beim Pferd kommt das Aufsitzen hinzu. Dadurch gerät der Körper in Schwingungen und er entspannt sich. Das ist dann schon eine eigentliche Bewegungstherapie. Mit dem Aufsitzen fängt man natürlich nicht sofort an. Man beginnt mit dem Bürsten und Striegeln des Pferdes, dem Führen am Zaum, mit Übungen, dem Aufsitzen bis hin zum Reiten. Dazu braucht man spezielle ruhige und gutmütige Pferde, also keine Rennpferde.

Sie führen tiergestützte Therapien nun seit 5 Jahren aus. Mit Erfolg?

Dazu ein Beispiel: Wir hatten jemanden, der total in sich gekehrt war und mit niemandem sprach. Über das Tier hat er sich geöffnet, fing an, mit dem Tier zu reden und dann auch mit uns. Der Erfolg ist natürlich je nach Patient unterschiedlich.

Und der Erfolg hält an?

Wenn es gelingt, über die Therapie mit Pferden wieder in die Balance zu kommen und den eigenen Körper neu zu spüren, ist es mehr als Symptombekämpfung. Man lernt, sich zu entspannen. Allerdings muss ich betonen, dass die tiergestützte Therapie die psychiatrische Behandlung nicht ersetzt, sondern ergänzt.

Wird die tiergestützte Therapie von den Krankenkassen bezahlt?

Nein, nicht bei psychiatrischen Therapien. Wir bieten diese Therapieform im Rahmen unserer Halbprivat- und Privatleistungen an. Das Problem entsteht vor allem bei der Fortsetzung, nach der Entlassung aus der Klinik. Wenn man sieht, dass der Umgang mit Pferden jemandem guttut, muss er trotzdem eine entsprechende ambulante Fortsetzungstherapie selber zahlen.

Gibt es Risiken und Gefahren bei der tiergestützten Therapie?

Theoretisch kann ein Hund auch mal beissen oder ein Pferd ausschlagen oder losgaloppieren, aber bei uns ist das noch nie vorgekommen. Die Hundeführerin oder der Pferdetrainer ist ja immer dabei. Und man schaut schon, dass nicht einfach irgendwelche Tiere zum Einsatz kommen. Sie werden umfassend geschult und sind zertifiziert für die tiergestützte Therapie, sowohl der Hund oder das Pferd wie auch die Tiertherapeutin.

Wie sieht es mit den Tieren aus? Besteht nicht die Gefahr, sie zu überfordern?

Es gibt klare Vorgaben, wie oft und wie lange man ein Tier pro Tag und Woche einsetzen darf.

Gibt es Erkenntnisse darüber, ob Personen, die mit Tieren aufwachsen weniger an Depressionen erkranken als andere?

Das kann man so nicht sagen. Ich kann das jedenfalls nicht bestätigen, wenn es um eine ernsthafte Depressionserkrankung geht. Hingegen können Tiere im Haushalt bei leichten Stimmungsschwankungen oder nach dem Tod einer geliebten Person durchaus helfen.

Man müsste also jemandem mit Depressionen eher auf Rezept ein Haustier verschreiben statt beispielweise das Antidepressivum «Zoloft»?

(Lacht) Auf Rezept geht das natürlich nicht. Aber ich habe schon einer Patientin geraten, sich einen Hund anzuschaffen, um sie aus der Vereinsamung herauszulösen. Es gibt auch immer die Möglichkeit einer ambulanten tiergestützten Therapie, die aber von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Dabei ist das eine günstige Behandlung, gerade im Vergleich mit dem Einsatz von Medikamenten. Die Finanzierung ist allerdings ein grundsätzliches Problem bei komplementären Behandlungsmethoden, die man generell mehr einsetzen und fördern sollte – in der Praxis und in der Forschung.

Auskünfte/mehr Infos: Gesellschaft für Tiergestützte Therapie und Aktivitäten: http://gtta.ch/
Die Dargebotene Pfote – Fachstelle für Tiergestützte Therapie / Pädagogik, Ausbildung und Beratung: http://dargebotenepfote.ch/

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