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Nur vergesslich oder schon dement?

Wenn im Alter das Erinnerungsvermögen abnimmt, vermuten viele eine beginnende Demenz. Die Angst ist jedoch meist unberechtigt: Vergesslichkeit gehört zum Altern.

Von Vera Bueller / 3. Dezember 2021

Den Einkaufszettel zu Hause liegen gelassen? Das Bügeleisen nicht ausgesteckt? Wo ist das Handy, wo die Brille? Wie lautet nochmal die PIN für die Kreditkarte? Was, der Termin war eine Stunde früher? Solche Aussetzer kennt fast jeder und jede. Manchmal lässt uns das Gedächtnis einfach im Stich, egal ob Alt oder Jung.

«Mir passiert es immer mal wieder, dass ich etwas vergesse oder verlege. Das ist normal und gehört zum Leben», sagt die Psychologin und Gerontologin Stefanie Becker, Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz. Schon ab dem mittleren Alter beginne das Gehirn zu schwächeln. Ob man sich etwas merkt oder nicht, sei aber auch abhängig von der momentanen seelischen und geistigen Belastung, der Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit, von Stress oder Müdigkeit. «Wenn Sie von einem Streit innerlich aufgewühlt sind, vergessen Sie durchaus mal die PIN der Kreditkarte. Oder Sie sind in Gedanken einfach woanders und achten nicht auf das, was sie eben gemacht oder gehört haben.» Davon betroffen seien vor allem alltäglich wiederkehrende Handlungen, die man quasi automatisch erledige. Da könne es passieren, dass man sich am Mittagtisch plötzlich frage, ob man das täglich einzunehmende Medikament schon geschluckt hat oder nicht. Diese Form der Gedächtnisschwäche, die überwiegend das Kurzzeitgedächtnis betreffe, sei meist nur vorübergehend.

Vergesslichkeit: Ein Zeichen von Intelligenz/p>

Personen über 60 müssen also nicht gleich zum Neurologen rennen, nur weil sie mal die Haustüre zugeschlagen und den Schlüssel innen stecken gelassen haben. Oder sie Namen und Gesichter vergessen. Treten die Aussetzer nur gelegentlich auf, kann Vergesslichkeit sogar ein Zeichen für Intelligenz sein, sagen kanadische Forscher der University of Toronto. Denn Menschen können sich schneller an neue Situationen anpassen und Herausforderungen meistern, wenn sie belanglose Dinge aus der Erinnerung «löschen» und nebensächliche Details gedanklich schnell wieder loswerden. Das bestätigt auch Stefanie Becker: «Vergessen ist ein wichtiger Vorgang unseres Gehirns.» Ältere Informationen würden ständig durch neue, wichtigere Eindrücke überschrieben. «Damit schützt sich unser Gehirn vor Überlastung.»

Auf die leichte Schulter nehmen solle man Gedächtnisstörungen aber nicht. Denn hinter der Schusseligkeit könnten auch gut behandelbar Krankheiten stecken, wie Depressionen oder Stoffwechselerkrankungen; ausserdem komme es vor, dass Medikamente oder Schlafapnoe vorübergehende Gedächtnisstörungen auslösten. «Oft führt bei älteren Personen auch Flüssigkeits- oder Vitaminmangel zu akuter Verwirrtheit.» Der grösste Risikofaktor für Demenz sei jedoch das Alter.

Warnsignale

Doch ab wann ist das Vergessen eine Krankheit? Besonders im Anfangsstadium sei es schwierig, eine sogenannt normale Vergesslichkeit von einer Demenz abzugrenzen. Zumal viele Betroffene ihre Probleme zu überspielen versuchten oder sich zurückzögen. Doch es gebe Warnsignale: «Wenn die Vergesslichkeit über einen Zeitraum von einem halben Jahr stetig zunimmt und alltägliche Fähigkeiten, die bis dato mit Links erledigt wurden, plötzlich Probleme bereiten.» Wenn man die Brille zum X-ten Mal sucht, sei das nicht zwingend ein Hinweis auf eine beginnende Demenz. «Ein gesundes Gehirn ist meist in der Lage, sich an das letzte Mal mit der Brille in der Hand zu erinnern. Das geht bei Demenz nicht mehr.» Ein Indiz für die Erkrankung seien zudem häufig ganz eigene Geschichten darüber, wie die Brille verloren gegangen ist. Etwa, dass der Partner die Brille verlegt habe, weil er ja sowieso immer so ordentlich sei und alles beseitige. Die Betroffenen könnten auch Dinge an völlig ungeeignete Plätze «aufräumen»: die Brille in den Kühlschrank. Auch die Fähigkeit zur Erarbeitung von Lösungsmöglichkeiten und -strategien für Probleme gehe zunehmend verloren.

«Treten immer mehrere und zunehmend stärker ausgeprägte Symptome auf, sollte man eine Abklärung durch den Arzt vornehmen lassen», betont Stefanie Becker. Ihr ist klar, dass die Schwelle, zum Arzt zu gehen, gross sei. «Demenzkrank zu sein, ist leider noch immer auch mit Scham verbunden – selbst bei den Angehörigen. Aber je früher man zum Arzt geht, desto besser. Man kann den Verlauf einer Demenz nämlich positiv beeinflussen und dann die Zukunft planen. Auch als demenzkranker Mensch kann man ein gutes Leben führen.» Ausserdem sei es wichtig, dass der Arzt als erstes abklärt, ob eine andere, behandelbare Erkrankung für die Gedächtnisstörung verantwortlich sein könnte.

Nichts falsch gemacht

Vielleicht kann aber auch ein Selbsttest im Internet Gewissheit schaffen, bevor man zum Arzt geht? Die Psychologin rät ab: «Ein Selbsttest ersetzt keine Fachdiagnose! Er kann auch zu falschen Rückschlüssen führen und Panik verursachen.» Und wie sieht es mit der Prävention vor einer Demenz-Erkrankung aus? Dazu gebe es viele Mythen. «Was immer richtig ist, ist eine gesunde ausgewogene Ernährung und tägliche Bewegung – am besten in Gesellschaft. Denn das Gehirn leidet stark unter Einsamkeit und Isolation.» Ein gezieltes Gedächtnistraining helfe den grauen Zellen oft auf die Sprünge: Weiterbildung, Spiele machen, Rätsel lösen, Sprachen lernen, ein Musikinstrument spielen. «Dabei ist die Vielfalt wichtig. Immer nur Kreuzworträtsel zu lösen, fordert das Gehirn auf die Dauer zu wenig heraus. Beim Muskeltraining im Fitnesscenter trainiert man auch nicht nur einen Arm, sondern den ganzen Körper.» Aber der Erfolg sei nicht garantiert: «Die Ursachen der häufigsten Demenzerkrankungen sind noch nicht völlig geklärt. Es gibt Patienten, die immer gesund gelebt haben und dennoch demenzkrank wurden. Sie fragen sich dann, was sie falsch gemacht haben. Nichts!»

Das langsame Vergessen von allem

Bei der Demenz handelt es sich um eine Erkrankung des Gehirns, die in der Regel im höheren Lebensalter auftritt, fortschreitend ist und zu einer Abnahme aller Hirnfunktionen führt, insbesondere des Gedächtnisses. Aber auch die Fähigkeiten, Handlungsabläufe zu steuern, sich zu orientieren oder sich ein Urteil zu bilden, sind beeinträchtigt.

Hinter dem Oberbegriff «Demenz» können viele verschiedene Erkrankungen stecken. Alzheimer ist mit etwa 70 Prozent die bekannteste und häufigste Demenzform. An zweiter Stelle folgt die vaskuläre, also gefässbedingte Demenz
Ein typisches Zeichen für die Alzheimer-Demenz ist, dass das Kurzzeitgedächtnis verloren geht. Der Mensch lebt in seinen alten Erinnerungen. Eine vaskuläre Demenz verläuft typischerweise schubartig, so dass es zwischen den einzelnen Schüben, immer wieder auch zu Phasen einer leichten Verbesserung der Symptome kommt. Alzheimer-Demenz dagegen verläuft eher kontinuierlich mit schleichendem Beginn.

Bei den 60- bis 70-Jährigen entwickeln rund fünf Prozent, bei den 70- bis 80-Jährigen um die zehn bis zwölf Prozent und bei den 80- bis 90-Jährigen ein Viertel eine Demenz – ab 90 Jahren ist die Hälfte betroffen.

Mehr Infos: www.alzheimer-schweiz.ch
Alzheimer Beratungstelefon: 058 058 80 00
der Artikel ist auch erschienen im «Beobachter»

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