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Ein kleiner Piks mit grosser Nebenwirkung
Obwohl die Abnehmspritze nur für Menschen mit schwerstem Übergewicht oder Diabetes zugelassen ist, bleibt das Interesse daran ungebrochen. Der Weg zur legalen Verschreibung ist jedoch lang – und wegen der Nebenwirkungen oft beschwerlich...
Von Vera Bueller / 15. März 2025
Als der 19-jährige Pietro C. zum Militär einrücken sollte, wurde er zunächst zurückgestellt – zu leicht, befanden die Ärzte damals. Mit seinen 57 Kilo sei er nicht Soldat genug. Heute, 54 Jahre später, bringt er rund 90 Kilo mehr auf die Waage. Mit einem Body-Mass-Index (BMI) von deutlich über 40 sitzt er nun im Regionalspital von Mendrisio einer Endokrinologin gegenüber. Vieles hat er schon ausprobiert: Mal verzichtete er auf Kohlenhydrate, mal auf Eiweiss oder Fett, mal ass er wie ein Steinzeitmensch, mal nur die Hälfte. Auch Intervallfasten und Ernährungsberatung änderten auf Dauer nichts. Jetzt will er es mit der so genannten Abnehm- oder Diätspritze versuchen, von der alle sprechen.
Wann die Gewichtszunahme begann, will die Ärztin wissen. Als er mit dem Rauchen aufgehört habe. Dann versucht sie, sein Essverhalten über die Jahre zu ergründen: Ob es emotionale oder stressbedingte Auslöser für zu viel Essen gibt, ob er zu schnell und unregelmässig isst. Wie es mit der Achtsamkeit beim Essen aussehe, was er beim Essen empfinde, wie er seine Heisshungerattacken beschreiben würde. Pietro C. wirkt ratlos: Er habe nie Heisshunger. Er isst auch keine Nutella-Brötchen oder Donuts zum Frühstück, nascht keine Crèmeschnitten zwischendurch und knabbert kein Popcorn vor dem Fernseher. Eigentlich isst er gesund, abwechslungsreich und mediterran, nur eben «zu gerne», zu gut – und zu viel. Kurz: Er hat ein schlechtes Sättigungsgefühl.
Hier setzt die Abnehmspritze an, denn laut aktueller Forschung liegt der Schlüssel zum Abnehmen im Gehirn: Die Spritze setzt direkt am Belohnungssystem an und soll helfen, den Schalter im Gehirn umzulegen, indem sie körpereigene Hormone simuliert, die den Appetit zügeln, die Verdauung verlangsamen und ein länger anhaltendes Sättigungsgefühl erzeugen. Doch das funktioniert nicht ohne Nebenwirkungen: Magen-Darm-Beschwerden wie Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung.
Ein Fototagebuch mit allen Mahlzeiten
Aber so weit ist Pietro C. noch lange nicht. Bis zum nächsten Termin in drei Wochen gibt die Ärztin dem 73-Jährigen erst einmal eine Hausaufgabe mit: ein Fototagebuch mit allen Mahlzeiten führen. Und wie es jetzt mit dem Rezept für die Fettwegspritze aussehe, will der Patient nach der einstündigen Konsultation doch noch wissen. Ja, die könne sie bei seinem deutlich zu hohen BMI verschreiben, obwohl er keinen Diabetes habe. Aber vorher müsse sie noch die Krankengeschichte, die ärztlichen Untersuchungen und die Blutwerte erfassen, einen Antrag bei der Krankenkasse stellen, ein Ernährungs-, Bewegungs- und Muskelaufbauprogramm entwickeln… So einfach kommt man nicht an die Spritze, die auch als Lifestyle-Medikament beworben wird.
Für Adele Ks. Lifestyle war die Spritze allerdings alles andere als positiv: «Nie wieder», sagt die 32-Jährige, die sich ein halbes Jahr lang Woche für Woche das Präparat in die Bauchfalte gespritzt hat. Anfangs sei alles gut gegangen, doch mit der Zeit habe sie erst psychische, dann körperliche Beschwerden bekommen. «Ich war sehr schnell satt, was mir mental zu schaffen machte. Dann musste ich mich fast nach jeder Mahlzeit übergeben. Und als ich die Dosis wie vorgesehen erhöhte, kam ständiger Durchfall dazu.» Zwar sank ihr Gewicht in dieser Zeit um 7 Kilo auf 109 Kilo. «Ich bekam auch Komplimente, dass ich gut aussehe, aber mit solchen Nebenwirkungen wollte ich nicht leben.» Im Oktober letzten Jahres setzte sie die Spritze dann abrupt ab. Der folgende Jo-Jo-Effekt blieb nicht aus.
Die Spritze allein ist kein Wundermittel
«Eine psychotherapeutische Begleitung ist unerlässlich», meint Leonie G. aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Spritze. «Denn es ist schon krass, wie sich die Verdauung mit der Spritze verlangsamt.» Der Körper signalisiere, «der Bauch ist voll, aber der Kopf reagiert emotional». Und wenn man der Lust auf ein Stück Kuchen nachgebe, müsse man sich übergeben. Seit Oktober spritzt sich Leonie G. das Medikament, und hatte anfangs mit Durchfall oder Verstopfung zu kämpfen. Heute leidet sie noch unter Aufstossen, Blähungen und leichter Übelkeit jeweils am zweiten Tag nach der wöchentlichen Injektion. 15 Kilo hat sie bisher abgenommen, jetzt wiegt sie noch 92 Kilo. Die Höchstdosis der Injektion hat sie noch nicht erreicht, und die Pfunde purzeln weiter. «Die Spritze allein ist aber kein Wundermittel, sondern muss als Ergänzung zu ausgewogener Ernährung und Sport gesehen werden», betont sie. Leonie G. hat ihr Essverhalten umgestellt und dokumentiert es mit einer App. «Aber ich will das nicht mein Leben lang machen.» Obwohl es offiziell heisst, man müsse die Spritzen bis ans Lebensende nehmen, fasst die 36-Jährige ein Ende der Therapie ins Auge – in etwa einem Jahr.
“Meine Frau kocht einfach zu gut”
Auch Roberto M. will nicht sein Leben lang auf die Spritze angewiesen sein. Seine Geschichte ähnelt der von Pietro C.: Der gebürtige Italiener lebt im Südtessin, war als junger Mann hager, genoss dann das Leben mit gutem mediterranem Essen, heiratete – Ursache für sein Übergewicht: «Meine Frau kocht einfach zu gut. Irgendwann konnte ich vor lauter Gewicht nicht mehr richtig gehen, die Knie schmerzten bei jedem Schritt, das Ein- und Aussteigen ins Auto war ein Kraftakt, beim Treppensteigen atmete ich schwer», erinnert sich der 51-Jährige. Er wog 130 Kilo. Mit der Spritze nahm er in nur sechs Monaten 30 Kilo ab. Doch seit September zeigt die Waage unverändert 100 Kilo an. Roberto M. hat sein «Plateau» erreicht. Ab diesem Punkt scheitert die Wirkung der Schlankheitsspritzen an den Widerstandskräften des eigenen Körpers. Denn bei einem so starken Gewichtsverlust setzt dieser alles daran, den alten Zustand wiederherzustellen. Das Hungergefühl wird nach oben, der Energieverbrauch nach unten reguliert. Das zuvor so wirksame Medikament kann diese Reaktion des Körpers gerade noch knapp ausgleichen. Doch Roberto M. will mit noch mehr Selbstkasteiung weitere 15 Kilo abnehmen. Dabei hat sich sein Leben, was das Essen angeht, bereits grundlegend geändert: «Ich esse nur noch sehr wenig: Salate, keine Teigwaren, keinen Alkohol. Viele denken, man muss nur das Zeug spritzen, kann sitzen bleiben, Pizza essen, Wein trinken, und schon purzeln die Pfunde. Das stimmt nicht. Das vermeintliche Wundermittel unterdrücke zwar das Hungergefühl, nicht aber die Lust am Essen. «Es ist ein ständiger, täglicher Kampf gegen das, was im Kopf passiert.» Wenn er mal aus purer Genusslust über die Stränge schlage, bekomme er ein flaues Gefühl im Magen und spüre Übelkeit. Aber wirklich schlimme Nebenwirkungen habe er noch nie gehabt. Das lässt Pietro C. hoffen.
Die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen AES bietet Beratung per Mail, Telefon oder Persönlich/Viedocall: www.aes.ch/
Der Text ist auch im "Beobachter" erschienen


