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Chiasso: Ciao! Buona giornata!
Chiasso mag nicht das schönste Gesicht haben – Autobahn, Gleisfelder, graue Fassaden –, aber die südlichste Stadt der Schweiz hat ein kulturelles Herz, das Besucher bis aus Mailand anzieht. Hier trifft die Gotthardbahn auf den Jazz, der Grenzverkehr auf den Tanz, und ein ehemaliger Finanzplatz wird zur Bühne für Kunst und Leben. Eine Stadtwanderung:
Von Vera Bueller / 27. April 2025
Bahnhof Chiasso: Der Puls der Grenze
Sind wir noch in der Schweiz oder schon in Italien? Wir verlassen den Zug, betreten die Bahnhofshalle und befinden uns zwar immer noch auf Schweizer Boden, aber es ist schon mediterran laut hier. Vielleicht nicht zufällig trägt die Stadt «Chiasso» diesen Namen, bedeutet er doch auf Deutsch «Lärm». Mitten im Atrium steht die Skulptur «Italia e Svizzera», die zwei sich umarmende Frauen zeigt: die Damen Helvetia und Italia. Und über dem Ausgang zu Gleis 1 prangt das riesige Wandgemälde «L’emigrante». Beide Werke stammen aus dem Jahr 1933 und symbolisieren, was Chiasso bis heute prägt: Die Freundschaft zwischen den beiden Ländern, die Vermischung derer Kulturen und die Migration. Einst waren es mausarmen Tessinerinnen und Tessiner, die hier ihre Heimat verliessen und nach Amerika, Kanada und Australien auswanderten. Heute sind es Einwanderer, die in der Schweiz Schutz und ein besseres Leben suchen.
Grenzübergang Ponte Chiasso: Ein Schritt nach Italien
Gleich neben dem Bahnhof geht es nur wenige Meter bergab, direkt zum Grenzübergang. Die nüchternen Zollgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert erzählen von Schmuggel, Handel und dem Schengener Abkommen (2008) – das die Kontrollen gelockert hat. Gelassen winkt die Guardia di finanza die Autos durch. Auch die Fussgänger bleiben unbehelligt und schlendern durch den verwaisten Gang des Grenzgebäudes von einer Seite zur anderen, um in Italien billiger einzukaufen. Zeit für einen Espresso in einer der vielen Bars in Ponte Chiasso.
Corso San Gottardo: Flanierzone mit Glamour
Zurück in der Schweiz, befinden wir uns im verkehrsfreien Abschnitt des Corso San Gottardo, der das rund 7500 Seelen zählende Städtchen durchquert. Erst 2006 wurde der ehemalige Schandfleck zur Flanierzone: Boden aus hellrotem Stein mit anthrazitfarbenen Strukturen, in der Nacht leuchten die hier eingelassenen Lämpchen wie eine Perlenkette. Es gibt auch schicke Geschäfte, ein grosses Medical Center und ein paar Banken. Aber längst ist Chiasso nicht mehr einer der wichtigsten Finanzplätze der Schweiz. Für die Italiener war Chiasso lange die erste Station, um ihr (Schwarz-)Geld in einen sicheren Hafen zu bringen. Heute hat Chiasso andere Ambitionen. So ist u.a. eine Modeschule auf dem Bahnhofareal im Bau, man will die Nähe zu Mailands Glamour nutzen – der neue Textil- und Modecampus soll 2028 eröffnen.
Cinema Teatro: Von Rotlicht zur Kulturperle
Wir spazieren weiter auf dem Corso, bis uns rechter Hand am Rande einer Brachfläche ein riesiges Wandgemälde ins Auge fällt: Es zeigt Szenen aus Theater und Film. Das Werk von Carlo Basilico ziert die Rückwand des 1936 erbauten Cinema Teatro. Wir umrunden das Theater, stossen die Schwingtür auf und tauchen ein in ein Farbkonzert aus leuchtendem Blau, dekorativem Karminrot und einem Feuerwerk aus orangefarbenen Kreisen, roten Sternen und blauen Halbmonden auf gelbem Grund.
Das Art-déco-Gebäude war bis Ende der sechziger Jahre das kulturelle Zentrum von Chiasso. Dann verkam es zum Sexkino und schloss 1994 seine Pforten. Mitten in der Rezession beschloss die Gemeinde, das Gebäude zu renovieren und im Jahr 2001 wurde das Theater mit 500 Sitzplätzen wiedereröffnet.
Seither erfreut sich das Haus mit seinem ambitionierten Programm aus Musik, Tanz, Film, Sprech- und Kindertheater nicht nur bei der Bevölkerung von Chiasso grosser Beliebtheit. Das Publikum kommt aus der ganzen «Regione Insubrica». Legendär ist vor allem das einzige «echte» kantonale Jazzfestival.
m.a.x. Museum: Avantgarde ist Programm
Schräg gegenüber dem Cinema Teatro, als architektonischer Kontrapunkt zu diesem, präsentiert sich ein schlichter gläserner Baukörper: das 2005 eröffnete, private m.a.x.-Museo – hier sorgen Ausstellungen für Furore. Es wurde von Aoi Kono, der im Tessin lebenden Witwe des Grafikdesigners Max Huber (1919›1992) in Auftrag gegeben und verrät in seinem Namen auch gleich sein Programm: M steht für «Museo», «Max» (Huber), «Multimedia»; A für «Arte», «Avanguardia», «Architettura» und X ist ein Hinweis darauf, dass der Ausstellungsraum allen avantgardistischen und architektonischen Disziplinen offen sein soll.
Der aus Baar stammende, 1992 verstorbene Huber verbrachte einen grossen Teil seines Lebens im Südtessin, Zentrum seiner Arbeit war aber Mailand. Er kreierte die Logos für Namen wie La Rinascente, Borsalino oder Olivetti, er zeichnete für die Bucheinbände bei Einaudi verantwortlich, bekannt sind seine Plakate für den Grossen Preis von Monza oder die Triennale von Mailand, und er arbeitete an Filmen von Michelangelo Antonioni und Ermanno Olmi mit.
Centro Ovale: Vom Ufo zum E-Sport
Das Freibad der Stadt lassen wir links liegen, auch das am Stadtrand gelegene Centro Ovale, ein ehemals eiförmiges Einkaufszentrum. Heute steht das riesige Center leer und wirkt neben der Autobahn – mit den von Stararchitekt Mario Botta konzipierten Lärmschutzwände – wie ein gestrandetes, überdimensionales Ufo. Zahlreiche Nutzungsideen für die «Dead Mall» sind seit 2015 im Sande verlaufen. Nun plant ein Unternehmer ein Gaming- und E-Sport-Center mit VR-Welten und Hotel. Skepsis? Jedenfalls fehlt auch für dieses sogenannte Projekt «Ellipticum» ein fixer Eröffnungstermin. Und beim Carneval Nebiopoli von Chiasso war es 2025 ein Thema…
Ristorante Indipendenza: Jugendstil und interkulturelle Küche
Zurück auf dem Corso wartet das Ristorante Indipendenza auf uns. Es ist ein historisches Restaurant im Jugendstil, das sich durch das von stiltypischen Peitscheneisenelementen getragene Vordach sowie durch die oberen Glasabdeckungen auszeichnet. Im Innern erzählen riesigen Fotos von der Zeit des alten Chiasso. Das Ristorante wird von einer Portugiesin geführt und bietet eine Mischung aus traditioneller italienischer und portugiesischer Küche. Hier spiegelt sich der Mix von Chiasso wider: 40 Prozent Ausländeranteil, über 50 Nationen – ein Stück Tessin jenseits der Klischees von Grotti und Seen.
Parco del Pez: Ruhe am südlichsten Punkt
Das Mittagessen will mit einer Wanderung verdaut werden: In der grünen Lunge von Chiasso, dem Parco del Penz. Ein 245 Hektaren grosses Naturparadies mit 30 km abwechslungsreichen Wanderwegen, wie man es in einem so dicht bebauten Gebiet nicht erwartet. Ideal für Naturliebhaber, die Geschichte, Weinbau und eine reiche Pilzfauna erleben möchten – zweieinhalb Stunden muss man für die ganze Wanderung Zeit nehmen. Wir steigen aber beim Bahnhof in den Bus 511 und fahren bis Pedrinate und gelangen durch einen angenehm kühlen Wald zum Aussichtspunkt Dosso Pallanza (560 m, Terrazza Belvedere). Ein besonderes Highlight für alle, die noch nicht müde sind: Im Gebiet Moreggi, markiert durch den Grenzstein 75B, befindet sich der südlichste Punkt der Schweiz.
Eine Kurzversion dieses Textes ist im "Beobachter" erschienen


