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Darum prüfe, wer sich ewig bindet

Wer eine ungeliebte Tätowierung loswerden will, kann sie weglasern lassen. Doch die Prozedur ist teuer, langwierig, nicht immer erfolgreich und mit Risken verbunden. Wie gut das Entfernen gelingt, hängt auch vom Können des Tätowierers ab.

Von Vera Bueller / 24. Mai 2020

Eine Fledermaus flattert über den halben Rücken, Tribals, asiatische Zeichen, Totenköpfe, Sternchen, Buchstaben und Namen zieren den Körper. Sie sollen den Tätowierten ein Leben lang begleiten. Und sie halten auch ewig: Eine der ältesten dieser Hautsticheleien wurde vor rund 5250 Jahre geschaffen und ziert den Körper der Gletschermumie Ötzi. 61 Strichmuster hatte er sich stechen lassen, wobei als Farbe Kohlepulver in die Wunden gerieben wurde. Die Wissenschaft nimmt allerdings an, dass Ötzis Tätowierungen weniger der Verzierung als vielmehr der Schmerzlinderung im Sinne einer Akupunktur dienten. So abwegig ist die Idee der medizinischen Markierungen nämlich gar nicht: Eine Studie aus dem Jahr 2012 hat jedenfalls gezeigt, dass Tätowierungen an Akkupunkturpunkten durchaus heilende Wirkung haben können.

Heute sind Tattoos allerdings für die meisten, die sich stechen lassen, eine Art Kunstwerk. Doch ein Totenkopf ist nicht unbedingt ein Bild für die Ewigkeit und oft ist Kunst eine Geschmacksache «und der Geschmack ändert sich im Laufe der Zeit», stellt Kristine Heidemeyer, Leitende Dermatologin am Luzerner Kantonsspital, immer wieder fest. Sie ist Spezialistin für Tattoo-Entfernung mit Lasertechnik. Der Geschmack sei der häufigste Grund, warum ihre Patienten eine Tätowierung loswerden wollten, aber nicht selten seien es auch berufliche Gründe: «Wenn im neuen Job ein Tattoo nicht sichtbar sein darf. Oder der Name einer verflossenen Liebe, der den Unterarm ziert, ist nicht mehr aktuell.» Ab und zu gehe es auch um politische oder ideologische Einstellungen, die sich geändert hätten. Ein Hakenkreuz im Nacken macht sich nicht gut. Und nicht jede Tätowierung lässt sich «covern» – dabei wird ein altes Tattoo in ein neues Bild eingebaut und schlussendlich überdeckt; es entsteht ein sogenanntes Cover-up-Tattoo.

Narben entstehen schon während des Stechens

So vielfältig die Gründe, so zahlreich sind die Angebote von Privatkliniken und Schönheitspraxen, die mittels «revolutionärer, weltweit führender Laser-Technologie» das Entfernen von Tätowierungen einfach, schmerzfrei, hautschonend und ohne Narben versprechen. Heute ist der Pikosekundenlaser Standard, insbesondere für hartnäckige Farben wie Blau und Grün und erzielt schnellere Ergebnisse mit potenziell weniger Sitzungen als die älteren Nanosekundenlaser (Q-Switched Laser). Ganz so problemlos geht das Tattoo-Ausradieren allerdings nach wie vor nicht. «Der Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab», weiss die Dermatologin. Dazu gehörten auch die Stechtechnik des Tätowierers und die von ihm verwendeten Farben. Meist sei bei sachgerechter medizinischer Anwendung des Laserverfahrens das Risiko einer Narbenbildung oder Verfärbung der Haut gering. Bei gewissen Tätowier-Techniken werde jedoch derart dicht gestochen, «dass schon während des Stechens Narben entstehen, die aber durch die Farbe übertüncht und erst beim Entfernen sichtbar werden», schränkt Kristine Heidemeyer ein. Und wer eine Allergie auf die Tattoo-Farben entwickelt habe, dem könne man die Hautbemalung mit konventionellen Laserverfahren überhaupt nicht mehr weglasern.

In der Regel funktioniere das Weglasern von Tätowierungen bei hellhäutigen Menschen besser als bei dunklen Hauttypen. Doch wenn jemand nach der Prozedur zu früh an die Sonne gehe, riskiere er flache hellbraune bis schwarze Flecken verschiedener Form und Grössen auf der Haut. Schliesslich gibt es noch Unterschiede bei den verwendeten Farben: Ein in Schwarz oder Rot gehaltenes Tattoo lässt sich in der Regel recht gut entfernen, machbar sind auch die Farbtöne Blau und Grün. Anders sieht es bei Weiss, Gelb, Beige und Pink aus. «Diese Farben werden vor allem beim Permanent-Makeup verwendet», sagt Kristine Heidemeyer. Dabei sei besondere Vorsicht geboten: Es gäbe Kosmetikstudios und andere Anbieter, die mit Säure arbeiteten. «Das kann zu gravierenden Vernarbungen führen.» Auch kursieren im Internet Tipps zum Entfernen mit sogenannten Hausmittelchen wie Salz. «Davor rate ich absolut ab».

Bis zu 20 Sitzungen

Früher wurden Tattoos abgeschliffen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dabei entstanden Wunden, die sich leicht entzündeten und Narben zurückliessen. Diese Methode wird kaum noch angewendet. Heute lassen sich Tätowierungen mit Laserstrahlen entfernen. Sie werden aus kurzer Entfernung auf die Tätowierung gerichtet und geben einen intensiven Lichtblitz ab. Dieser Blitz dringt in die Haut ein und zertrümmert die Makrophagen (Zellen im Blut) samt Farbpigmente in unzählige Bruchstücke, die zum Teil ins Lymphsystem gelangen. Da die Makrophagen jedoch einige Stückchen wieder eingefangen, braucht es mehrere Laser-Behandlungen und viel Geduld bis ein Tattoo ganz verschwunden ist: Je nach Grösse und Stechdichte der Tätowierung muss man mit vier bis 20 Sitzungen rechnen. Dazwischen braucht die Haut jeweils sechs Wochen Ruhe, damit sie sich ausreichend regenerieren kann, und die bereits zertrümmerten Pigmente abtransportieren worden sind. Da die Behandlung im ärztliche Tarifwerk TARMED nicht existiert, reichen die Kosten je nach Anbieter und Tattoo-Grösse von 150 bis 1000 Franken pro Sitzung – oder auch mehr. Das zahlt keine Krankenkasse.

Ob das Entfernen der bunten Bilder zu langfristigen gesundheitlichen Schäden führen kann, ist in der Wissenschaft noch nicht geklärt und Gegenstand aktueller Forschungsarbeiten. Immerhin ist bekannt, dass Tätowier-Farben nicht ausschliesslich in der Haut verbleiben, sondern sich ein Teil davon auch im Körper ausbreitet. Und die beim Lasern entstehenden Spaltprodukte werden unter anderem in den Lymphknoten eingelagert. «Seit längerem finden sich Hinweise, dass bei der Laserentfernung giftige, teilweise krebserregende Abbauprodukte entstehen können. So zum Beispiel Benzol und Cyanwasserstoff», sagt Max Ludwig Deubel, Facharzt für Dermatologie und Venerologie der Hirslanden-Gruppe. Allerdings brauche es, um potenziell schädliche Substanzen zu produzieren, nicht zwingend eine Tattoo-Entfernung, «diese sind schon durch die Tätowierung vorhanden oder können daraus entstehen». Um sichere Kenntnisse über die Langzeitauswirkungen von Tattoos und deren Entfernung zu haben, brauche die Wissenschaft mehr Zeit. «Das Forschungsgebiet ist relativ jung und wurde lange sehr stiefmütterlich behandelt.»

Ein Leben lang die gleichen Kleider tragen?

Dass das Problem aber schon beim Stechen beginnt, ist unumstritten: «Wenn eine Tätowier-Stube mit ‘besonders schnell’ und ‘günstig’ wirbt, dann ist besondere Vorsicht geboten», warnt denn auch Kristine Heidemeyer. Und die Entfernung mit Laserstrahlen sollte nur durch dafür spezialisierte Hautärzte oder Fachärzte für plastische und ästhetische Chirurgie erfolgen, nicht durch medizinische Laien.

Eine einfachere Lösung schlägt Thomas Rosemann, Professor für Hautmedizin an die Universität Zürich, vor: «Mein Rat kann nur lauten: Erst gar kein Tattoo stechen lassen, dann hat man hinterher auch kein Problem damit. Man stelle sich nur vor, heute ein Kleidungsstück zu kaufen und dieses dann bis ans Ende seiner Tage tragen zu müssen. Kein Mann und keine Frau würde das machen. Mit Tattoos ist es aber so.»

Der Text ist auch im "Beobachter" erschienen

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