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Der Mann, der Schiffe fliegen liess
Wenn Karl Büller über den Vierwaldstättersee blickte, sah er nicht einfach Wasser. Er sah Widerstand. Wellen. Physik. Und eine Herausforderung. Während andere Ingenieure sich mit dem begnügten, was schwimmt, wollte Büller, dass es fliegt – zumindest fast. Ein Porträt.
Von Evelyn Koch / 1. März 2013
Geboren wurde Karl Büller am 15. November 1906 in Riga, damals ein bedeutendes Hafen- und Industriezentrum des Russischen Kaiserreichs mit stark deutsch-baltischer Prägung. Er hiess ursprünglich Karlis Johann Billers – ein Name, der seine baltischen Wurzeln verrät und erst später in der eingedeutschten Form Karl Johann Büller auftauchte. Riga war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schmelztiegel: Kaufleute, Ingenieure, Werftarbeiter, Beamte und Militärs prägten das Stadtbild. Zwischen Speicherhäusern, Docks und Werkstätten wuchs Büller in einer Umgebung auf, in der Technik kein abstrakter Begriff war, sondern sichtbarer Alltag.
Die politischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, die Unabhängigkeit Lettlands und die wirtschaftlichen Turbulenzen der 1920er-Jahre bildeten den Hintergrund seiner Jugend. Stabilität war keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht erklärt sich daraus auch sein späterer Drang zur Präzision und Berechenbarkeit. Wer in bewegten Zeiten aufwächst, sucht Halt in Gesetzen, die nicht verhandelbar sind – etwa in jenen der Physik. Der Geruch des Hafens, die Schiffe, die Verbindung von Metall, Wasser und Bewegung: All das war in Riga allgegenwärtig. Das Meer – oder genauer: die Technik des Meeres – sollte ihn nie mehr loslassen.
Finanzielle Probleme
1927 zog es ihn nach Berlin an die Technische Hochschule Charlottenburg. Schiffbau zu studieren in den Goldenen Zwanzigern – das klang glamouröser, als es war. Büller hatte immer wieder finanzielle Probleme, musste sein Studium unterbrechen und hielt sich unter anderem als Bühnenbildner am Renaissance-Theater über Wasser. Dass ausgerechnet ein künftiger Hochgeschwindigkeitsingenieur Kulissen entwarf, ist eine jener ironischen Fussnoten der Geschichte, die später perfekt zu seinem zweiten Leben passen sollten.
1936 schloss er sein Studium als Diplom-Ingenieur ab. Schnell landete er bei der Gebrüder Sachsenberg AG, einer Werft, die für ihre Innovationskraft bekannt war. Dort ging es nicht um gemütliche Ausflugsschiffe, sondern um Spezial- und Schnellboote. Büller stieg rasch auf, übernahm Verantwortung, leitete Projekte. Der Zweite Weltkrieg verlieh der Entwicklung von Hochgeschwindigkeitsbooten eine brutale Dringlichkeit. Doch zwischen Materialbeschaffung, Konstruktion und Bauaufsicht reifte in ihm eine Idee weiter, die älter war als der Krieg selbst: das Tragflügelboot.
Die Idee war ebenso simpel wie revolutionär. Statt das Schiff mit zunehmender Geschwindigkeit immer tiefer ins Wasser zu drücken, sollte es sich aus dem Wasser erheben. Unter dem Rumpf montierte Tragflügel erzeugen bei Fahrt Auftrieb – ähnlich wie bei einem Flugzeugflügel. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit hebt sich der Rumpf aus dem Wasser, der Widerstand sinkt dramatisch, und plötzlich gleitet das Schiff fast schwerelos über die Oberfläche.
Zentrum der Vision in der Schweiz
Da die technologische Weiterentwicklung im Nachkriegsdeutschland nur noch eingeschränkt möglich war, verlagerte sich das Zentrum dieser Vision in die Schweiz. 1952 gründete Karl Büller gemeinsam mit Hanns von Schertel und Eugen Schatté in Luzern die Supramar AG. Die Firma war kein klassischer Schiffbaubetrieb, sondern ein Konstruktions- und Lizenzbüro – ein Thinktank am See. Gebaut wurde in Partnerwerften, gerechnet und getüftelt wurde in Luzern.
Auf dem Vierwaldstättersee fanden die entscheidenden Tests statt. Das erste Modell, die PT 10 (Passagier-Tragflügelboot), war der Beweis, dass das Konzept nicht nur theoretisch funktionierte. 1953 nahm auf dem Lago Maggiore mit der «Freccia d’Oro» der weltweit erste kommerzielle Tragflügelboot-Liniendienst den Betrieb auf. Die Zukunft fuhr plötzlich mit 60 Stundenkilometern übers Wasser.
Es folgten grössere Modelle: die PT 20, die PT 50 und schliesslich die beeindruckende PT 150 mit Platz für bis zu 250 Passagiere. Sie verbanden Inseln, Küstenstädte und Wirtschaftszentren – von Italien über Japan bis nach Hongkong. Über Jahrzehnte dominierten Supramar-Boote den Markt. Wer in den 1960er- und 1970er-Jahren schnell übers Wasser wollte, sass mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Büller-Entwurf.
Der Karikaturist «Kabu»
Doch Büller war nicht nur Ingenieur. Unter dem Pseudonym «Kabu» zeichnete er Karikaturen. Während er tagsüber hydrodynamische Profile optimierte und gegen Kavitation kämpfte – jenes gefürchtete Phänomen von Dampfblasen an den Tragflügeln –, beobachtete er abends mit feiner Ironie die menschlichen Eigenheiten. Seine Zeichnungen waren pointiert, aber nie bösartig, oft sogar liebevoll – publiziert in «Noch nie einen Kaktus gesehen?» Balkonie & Kabu (ISBN 978-3-8311-4699-4). Es ist verführerisch, in dieser Doppelbegabung ein Gleichgewicht zu sehen: Hier die exakte Wissenschaft, dort der spielerische Blick auf das Leben.
Privat war sein Leben, wie so viele Biografien des 20. Jahrhunderts, von Brüchen geprägt. Eine erste Ehe in den 1930er-Jahren, Kinder, Verlust, Scheidung nach dem Krieg. 1950 heiratete er die Opernsängerin Maria Elisabeth Becker. Mit ihr und den beiden Töchtern baute er sich in der Schweiz ein neues Leben auf. Luzern wurde seine Heimat.
Der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen
Bis ins hohe Alter blieb Büller fachlich aktiv, publizierte, diskutierte und beriet. Er war kein Bastler, sondern ein systematischer Denker. Er traute keiner Theorie, die sich nicht auf dem Wasser bewähren musste. Der Vierwaldstättersee war sein Labor, die Alpen waren seine Kulisse.
Als er am 31. Juli 1983 in Luzern starb, befand sich das Zeitalter der Tragflügelboote bereits im Wandel. Katamarane und neue Konzepte drängten auf den Markt. Doch die Eleganz jener «fliegenden Schiffe» bleibt unvergessen. Sie waren Ausdruck einer Zeit, in der Ingenieure an den Fortschritt glaubten – und ihn sichtbar machten.
Karl Büller war keiner, der laut auftrat. Aber er liess Schiffe abheben. Und wer einmal gesehen hat, wie ein Tragflügelboot den Rumpf aus dem Wasser hebt und davonschiesst, versteht: Manchmal braucht es nur ein paar gut berechnete Flügel, um der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen.


