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Ein Dorf im Funkloch
Handynutzer im Tessiner Ort Sagno sind auf das italienische Netz angewiesen. Das sorgt für Ärger und hohe Kosten. Doch die Sagnonesi sind selber schuld.
Von Vera Bueller Cavadini / 15. März 2015
Das ist wohl das Schlimmste, was einer Tessinerin oder einem Tessiner passieren kann: Abhängig sein von Italien. Die etwas mehr als 300 Einwohner der Ortschaft Sagno am Südzipfel der Schweiz befinden sich genau in dieser Situation. Sie sind abhängig von Italien – zumindest wenn es um die Kommunikation geht. Und Kommunikation ist für die Mitglieder der lateinischen Sprachenfamilie besonders wichtig. Das wissen wir Nordländer seit den Filmen mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Sergio Leones wortkarge Italowestern sind die Ausnahme, aber die spielen ja auch in den USA.
Aber zurück zu Sagno. Das Dorf ist – obwohl nur 2,5 Kilometer von Chiasso entfernt – eine trockene Insel im Meer der Schweizer Handystrahlen. Nur die Signale der italienischen Mobiltelefonanbieter von ennet der Grenze erreichen die auf einer Sonnenterrasse gelegenen Häuser und die Piazza von Sagno.
Wer also in Sagno mobil erreichbar sein will, zahlt entweder horrende Roaming-Gebühren oder er – horribile dictu – muss sich eine italienische SIM-Karte kaufen. Beides nagt am Stolz der Bewohner von Sagno. Die Kränkung als handymässig diskriminierte Schweizer lindert auch nicht die Tatsache, dass die Swisscom – quasi als Kompensation – eine Telefonkabine mitten ins Dorf gestellt hat. Mit dieser in der übrigen Schweiz selten gewordenen Einrichtung können die Sagnonesi sogar SMS verschicken. «Vorausgesetzt, man besitzt eine entsprechende Swisscom-Karte», präzisiert die Wirtin der Slow Food Osteria «Ul Furmighin» (zur Ameise). Der Münzautomat funktioniere nämlich auch nicht.
Aber wie bei so Vielem, das das Verhältnis zwischen dem Tessin und Italien trübt, sind auch in diesem Fall die Einheimischen selber schuld an der Misere. Alle Versuche, eine Mobilfunkantenne zu platzieren, scheiterten über Jahre am Widerstand der Bevölkerung. Erst im Juni 2014 erklärte sich ein Bewohner etwas ausserhalb des Dorfes bereit, auf seinem Grundstück eine kleine Swisscom-Antenne aufstellen zu lassen. Doch der Nachbar opponierte. «Wegen angeblicher Kontaminierung durch Elektrosmog», erklärt Gemeindepräsident Giuseppe Tettamanti. Das Dossier sei nun beim Kanton blockiert, und das könne dauern, was ihn, Tettamanti zur Verzweiflung treibe. Erst neulich habe es einen Trekking-Unfall gegeben. Eine Begleitperson des Verunfallten habe dann ins Dorf zur Telefonkabine laufen müssen, um Hilfe zu organisieren – denn auch das italienische Netz versagte. Und noch etwas plagt Tettamanti: Der Akku seines Telefoninos sei ständig leer, weil die dauernde Suche nach einem Netz so viel Strom brauche. Und ob die Strahlen aus Italien weniger schädlich seien als eine eigene kontrollierte Station in der Schweiz? Die Antwort auf die selber gestellte Frage lässt der Sindaco offen. Obwohl er Sie natürlich kennt.


