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Wanderung durch eine alte Speisekammer

Wandertipp: Malcantone – Sentiero del Castagno

Von Vera Bueller Cavadini / 25. Oktober 2019

Während Jahrhunderten war die von den Römern eingeführte Kastanie das Grundnahrungsmittel der Tessiner Bevölkerung: Man kochte, briet, trocknete und mahlte die stärkereichen Früchte; man verarbeitete sie zu Brot, Teigwaren und anderen Speisen aber auch zu Tierfutter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bäume nicht mehr gepflegt, Birken, Buchen und Gestrüpp überwucherten die Kastanienselven.

Doch sie bekamen ein zweites Leben: Die Kastanie aus dem Tessin, verarbeitet zu Brot, Teigwaren, Suppe, Kuchen, Desserts und sogar Bier, gilt heute als kulinarische Spezialität. Wir sitzen bei einem Kastanienbier im Dörfchen Mugena im Malcantone, dem hügeligen Hinterland westlich von Lugano unterhalb der Bergkette des Monte Lema und des Monte Tamaro. Mit am Tisch ist der Mann, der massgeblich zum Erhalt des Kulturguts Kastanie im Tessin beigetragen hat: Revierförster Carlo Scheggia. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seit er die Behörden und die lokale Bevölkerung für zahlreiche Rekultivierungsprojekte im Malcantone zu gewinnen vermochte. Gemeinsam führten sie im Laufe der Jahre 107 Hektaren Kastanienwälder – etwa ein Viertel des Gesamtbestands – in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Entstanden ist dabei auch der Wanderweg «Sentiero del Castagno», eine touristische Attraktion erster Güte.

Der Pfad führt uns in abwechslungsreichem Auf und Ab durch ausgedehnte lichtdurchflutete Kastanienwälder, vorbei an Teichen, Bächen und Aussichtspunkten. Die knorrigen, mächtigen Kastanienbäume verwandeln die Hänge in eine malerische Parklandschaft. Dahinter steckt allerdings auch viel Arbeit: «Die Kronen müssen wir regelmässig auslichten, den Boden mähen und beweiden und andere Baumsorten zurückbinden», erklärt Carlo Scheggia. «Dafür braucht es die Leidenschaft der Menschen vor Ort, die sich für die Wälder einsetzen.» Konkret sind das die Bauern, die das Land mit den Bäumen vom Patriziat Vezio gepachtet haben. Der Lohn dieser Arbeit sei bescheiden. 1,50 Franken zahlten die Sammelstellen des Kantons fürs Kilo Kastanien. Dabei spiele es keine Rolle, um welche der 15 Kastaniensorten, die im Malcantone wachsen, es sich handle – mit Ausnahme der Maroni. Und er präzisiert, dass die Maroni nur eine Sorte der Kastanien sei, die im Malcantone aber selten vorkomme. «Für sie zahlt der Kunde im Geschäft einzig wegen ihrer Grösse 16 Franken oder auch mehr fürs Kilo.» Er schüttelt den Kopf und bemerkt lächelnd, dass der Geschmack der Frucht ungeachtet der Sorte stets der gleiche sei.

Es ist eine Welt für sich, ruhig und beschaulich. Doch dann ertönen plötzlich laute Geräusche von Motoren in den stillen Wäldern. «Ja, jetzt ist Hochsaison für die Pflege. Wo die Selven nicht beweidet werden, müssen die Bauern dafür sorgen, dass die lichten Grasflächen zwischen den Bäumen, bis spätestens Ende September gemäht sind. Denn danach folgt bald schon das Sammeln der Früchte.» Und weil Kastanien schnell wurmstichig oder von Pilzen befallen werden, müssten sie sofort aufgelesen und sterilisiert werden. Oder aber man trocknet sie: Oberhalb von Vezio stossen wir auf ein altes, zweistöckiges Steinhaus – einen Trocknungsofen aus vergangenen Zeiten, den «Grà». Hier legte man früher die Früchte bei mittlerer Hitze auf ein Holzgitter; so behandelt konnte man sie während einiger Monate problemlos aufbewahren. «Wir trocknen in diesem Grà noch immer jedes Jahr Mitte Oktober etwa 300 Kilo Kastanien und feiern das mit einem grossen Fest – an dem auch Wanderer willkommen sind.»

Infos

Der Rundweg Sentiero del Castagno ist 10,9 Kilometer lang und weist Auf-/Abstiege auf, die zwischen 418 bis 448 Metern ü. M. liegen. Der Pfad ist mit den üblichen Wegweisern markiert, die zusätzlich das Symbol der Kastanie aufweisen. Offiziell beginnt und endet die Route in Arosio. Aber auch Mugena, Vezio und Fescoggia können Ausgangspunkt oder Ziel sein – alle Dörfer sind mit dem Postauto erschlossen. Wanderzeit: 4/5 Stunden. Es bieten sich auch kurze Teilstrecken von 1 bis 2 Stunden an. Wanderschuhe sind empfohlen.

Es gibt ab Lugano auch einen Castagno-Bike-Rundweg, mit teils separater Wegführung.

Besonderes: Im Tessin gelten die Kastanien bis zum 11. November als Privateigentum. Erst von diesem Tag an darf sie jedermann auflesen. Entlang des Sentiero del Castagno darf man sie schon früher sammeln – jedoch nur für den Eigenbedarf.

Links:

«Festa del Grà» auf dem Teilstück Arosio–Vezio: luganoregion.com/de/sehen-und-erleben/gastronomie-und-tradition

wegwandern.ch/listing/alto-malcantone-kastanienweg-sentiero-del-castagno-wanderung-wandern/

Der Text ist auch erscheinen im "Beobachter"

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