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Sozialkontakte sind entscheidend
Wer an Gott glaubt, lebt länger, sein Immunsystem ist stärker. Das behaupten amerikanische Forscher, die religiösen Bewegungen nahe stehen. Doch auch unabhängige Studien bestätigen: Der Glaube hält gesund – die Gründe dafür sind allerdings durchaus irdischer Natur.
Von Vera Bueller / 1. Februar 2019
Wer alt werden will, sollte evangelische Theologie studieren. In unserem Kulturkreis haben protestantische Pfarrer nämlich die höchste Lebenserwartung. Aber auch Mönche, Nonnen und katholische Pfarrer erreichen oft ein biblisches Alter. Dass reformierte Diener Gottes die katholischen bei der Lebensdauer übertreffen, liegt wohl daran, dass diese neben dem Glauben meist auch noch eine Ehefrau haben. Das lässt den Schluss zu, dass es wohl nicht der Glaube allein ist, der das individuelle Leben verlängert.
Trotzdem versuchen immer wieder Medizinforscher in den USA, Gottes positives Wirken auf die Gesundheit der Gläubigen naturwissenschaftlich zu beweisen: Mehr als 1200 Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren bestätigt, dass Menschen, die an eine höhere Macht glauben, auch eine höhere Lebenserwartung haben. Denn wer regelmässig zur Kirche gehe, so die frohe Kunde, habe im Alter ein robusteres Immunsystem, einen niedrigeren Blutdruck und weniger Atembeschwerden. Den katholischen Kirchgängern hilft zusätzlich – und das ist wissenschaftlich erwiesen – der Weihrauch, um das Immunsystem aufzubauen und Entzündungen zu reduzieren. Und eine Studie der Universität Georgetown hat ergeben, dass Religion bei drei Viertel der Testpersonen den Heilungsprozess von Krankheiten beschleunigte.
Studien von religiösen Instituten finanziert
Den meisten dieser US-Studien ist allerdings mit Vorsicht zu begegnen: Sie sind oft von religiösen Instituten durchgeführt und von der John Templeton Foundation mitfinanziert worden – einer Stiftung, deren Gründer, der gläubige Geschäftsmann Sir John Templeton, in der Wissenschaft eine «Goldmine zur Wiederbelebung der Religion im 21. Jahrhundert» sah. Die Resultate werden von Wissenschaftlern in Europa entsprechend kritisch beurteilt: «Der eigene Glaube verführt die Wissenschaftler dazu, die Daten falsch zu interpretieren. Da wird wild gerechnet, bis es passt», sagt Eckart Straube, Therapeut und ehemaliger Professor für Psychologie an der Universität Jena. Straube hat sich in seinem Buch «Heilsamer Zauber» intensiv mit der Wirkung von Spiritualität auf die Gesundheit und das Immunsystem befasst. Nur ein geringer Prozentsatz der Studien genüge wissenschaftlichen Kriterien, sagt er.
Eckart Straube sieht vor allem irdische Gründe hinter der Heilkraft der Religion: «Glaube vermittelt ein Gefühl der Kontrolle und damit psychische Stabilität.» Die Gläubigen werfe nicht jedes Missgeschick gleich aus der Bahn, «sie können es einer höheren Macht zuschreiben». Genauso wie ein trainierter und gesund ernährter Körper sich heilsam auf das Immunsystem auswirkt, schafft auch das Gefühl, in einer höheren Macht aufgehoben zu sein, eine Stärkung der Immunabwehr. Das ist wie beim bekannten Placebo-Effekt: «Man weiss», so Straube, «dass allein der Glaube an ein Schmerzmittel die Freisetzung körpereigener Schmerzblocker auslöst. Auch das Vertrauen auf eine höhere Macht kann solche physischen Prozesse in Gang setzen.» Wahrscheinlich sei der religiöse Glaube im Vergleich zu einem Placebo sogar die stärkere Pille: «Glauben ist mit sehr viel mächtigeren imaginativen und emotionalen Elementen sowie stärkerer Ergriffenheit verbunden als etwa eine ärztliche Behandlung.»
Regelmässige Treffen im Bienenzüchterverein als Alternative
«Glaube oder Spiritualität können einen Einfluss auf die Gesundheit haben», sagt auch Simon Peng-Keller. Der Theologe und Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich relativiert allerdings: «Die Wirkung von Religiosität auf die Gesundheit ist vielschichtig. Man muss mehrere Faktoren berücksichtigen, die sich ergänzen.» So könnte eine höhere Hilfsbereitschaft, wie sie sich bei vielen religiösen Gemeindemitgliedern findet, dem Leben mehr Sinn verleihen und somit Depressionen vorbeugen. «Menschen, die spirituell leben, pflegen oft auch einen gesünderen Lebensstil, haben einen regelmässigen Lebensrhythmus», ergänzt Simon Peng-Keller. Wichtig seien dabei die sozialen Kontakte. «Ein Effekt, den allerdings auch regelmässige Treffen eines Bienenzüchtervereins auslösen können.»
Tatsächlich hat eine dänische Untersuchung gezeigt, dass Gläubige, die die Gottesdienste nur per Radio oder Fernsehen verfolgten, keine höhere Lebenserwartung hatten als Nichtgläubige. Die einfache Erklärung: Wer jede Woche zur Kirche und an religiöse Treffen geht, kennt mehr Leute als Stubenhocker. Und dass viele Sozialkontakte positiv auf das Immunsystem, das seelische Wohlbefinden, die Gesundheit und somit auch auf die Lebenserwartung wirken, ist bekannt. Im Experiment liess sich sogar nachweisen, dass man mit einem weniger vielfältigen sozialen Netz deutlich leichter einen Schnupfen bekommt. Einsamkeit schwächt das Immunsystem – und zwar deutlich: Das Gefühl der Einsamkeit ist mindestens so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag. Der Grund: Wer sich ausgeschlossen und nicht irgendwo dazugehörig fühlt, erlebt chronischen Stress. Dieser wirkt sich negativ auf den Hormonhaushalt aus und schränkt die Immunabwehr ein. Laut mehreren Studien kann Einsamkeit zudem zu Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Depressionen, Schlafstörungen und einer früher einsetzenden Altersvergesslichkeit führen.
Auch der Mangel an positiven Berührungen ist schlecht für das Immunsystem. Der Körper schüttet bei angenehmen Berührungen das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin aus, produziert verstärkt körpereigene Opiate und drosselt die Produktion von Stresshormonen wie Cortisol.
Stress ist der grösste Saboteur
Stress ist also einer der grössten Saboteure des Immunsystems. Und hier wirkt dann auch die Kehrseite des religiösen Glaubens, besonders desjenigen von Anhängern sektiererischer Fundamentalisten: «Wer ein negatives Gottesbild hat, also das eines bestrafenden Gottes, bei dem löst der Glaube Stress aus, weil er den hohen Ansprüchen seines Gottes nicht gerecht werden kann und dessen Strafe fürchten muss», gibt Spiritual-Care-Professor Simon Peng-Keller zu bedenken.
Auf der Erkenntnis, dass Stress der Feind des Immunsystems ist, bauen diverse Entspannungsmethoden und spirituelle Angebote auf. Vom sanften autogenen Training bis zur strengen Zen-Meditation gibt es inzwischen ein reiches Angebot für Seelenwellness. Der Fokus liegt immer auf der Wiederherstellung der Balance zwischen Körper und Psyche. Für Nicole Joller vom Institut für Experimentelle Immunologie der Uni Zürich ist unbestritten, dass das Immunsystem auf Prozesse im Nervensystem reagieren kann. «Starke Signale auf der einen Ebene führen zu Veränderungen auf der anderen: Das Gehirn kann das Immunsystem beeinflussen, Botenstoffe zwischen den Nerven werden ausgeschüttet und wirken auf Teile der Immunantwort des Körpers.»
Die Menschen in der Schweiz sind immer weniger religiös; viele haben sich von den grossen Religionsgemeinschaften abgewandt. Doch das Bedürfnis nach Spiritualität und zumindest vorübergehender Auszeit aus vom freudlosen Alltag ist geblieben. So mancher entdeckt dann Rituale und Übungen, die asiatische Weise ersonnen haben, um das irdische Leiden zu überwinden und sich selbst zu finden. Viele oft jahrtausendalte Techniken ermöglichen nicht nur spirituelle Erfahrung. Sie stärken Muskeln, Herz und Immunsystem, entspannen Körper und Geist. Für Eckart Straube ist der Boom solcher spiritueller Techniken eine Gegenreaktion zur Dominanz rationaler Bewältigungsstrategien in modernen Zivilisationen. «Die Suche nach Dingen jenseits der technisierten Welt führt dazu, dass wir imaginative Formen wiederentdecken.» Simon Peng-Keller bringt es auf den Punkt: «Viele Menschen basteln sich heute einen eigenen Mix aus Spiritualität zusammen.» Warum nicht, wenn es dem Immunsystem nützt und das Leben verlängert?
Körperübungen für das Immunsystem:
- Autogenes Training ist eine Entspannungsmethode. Man spricht bestimmte Formeln zum Beispiel «Mein Arm ist schwer» – in Gedanken aus und wiederholt sie mehrmals Mit der Zeit wird so der ganze Körper entspannt und der Geist beruhigt.
- Meditation sind Konzentrationsübungen, die beruhigen und störende Gedanken ausschalten.
- Pilates ist ein ganzheitliches Körpertraining, das auf der kontrollierten Ausführung aller Bewegungsabläufe, Konzentration, Atmung und Entspannung basiert.
- Progressive Entspannung nach Jacobson ist ein Entspannungsverfahren, bei dem durch die bewusste An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen ein Zustand tiefer Entspannung des ganzen Körpers erreicht werden soll.
- Qigong ist ein ganzheitliches, chinesisches Meditations-, Konzentrations- und Bewegungstraining.
- Tai-Chi stammt aus China. Mit langsamen, fliessenden Bewegungen verbessert man die Haltung, lockert die Gelenke und entspannt den ganzen Körper.
- Yoga kombiniert gymnastische Übungen mit Atemübungen und Konzentrationstechniken. Effekte sind Stressabbau, Stärkung der Muskulatur, Verbesserung der Haltung, Stärkung des Immunsystems.


